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Landsberg

11.10.2019

Buchvorstellung: Kapitän Reisch erzählt vom "Meer der Tränen"

Der Landsberger Claus-Peter Reisch ist das Gesicht der Seenotrettung. Der 58-Jährige hat nun sein erstes Buch veröffentlicht. "Das Meer der Tränen" erscheint am 16. Oktober.
Bild: Thorsten Jordan (Archiv)

Plus Der Landsberger Seenotretter hat ein Buch über seine Fahrten mit den Schiffen Lifeline und Eleonore im Mittelmeer geschrieben. Das LT hat es Probe gelesen.

„Nicht nach Libyen. Bitte, nicht zurück! Lieber springe ich ins Wasser und ertrinke.“ Es ist eine der Schlüsselszenen der Mission Sechs des Seenotrettungsschiffs Lifeline im Mittelmeer: Angesichts der herannahenden libyschen Küstenwache wirft sich ein Mann vor dem Landsberger Schiffsführer Claus-Peter Reisch auf den Boden. Und Reisch bringt die 235 Flüchtlinge an Bord an diesem 21. Juni 2018 nicht zurück nach Libyen, sondern verweist auf die Genfer Flüchtlingskonvention und fährt nach Malta, wo dem Schiff über Tage hinweg die Einfahrt verweigert wird. Claus-Peter Reisch (58) wird im Sommer 2018 zur öffentlichen Person und zum Gesicht der privaten Seenotrettung. Das vergangene Jahr hat er nun literarisch aufgearbeitet. Titel seines Buchs „Das Meer der Tränen – Wie ich als Kapitän des Seenotrettungsschiffs ‚Lifeline‘ Hunderte Leben rettete – und dafür angeklagt wurde“. Hier kommt unsere Buchbesprechung.

Claus-Peter Reisch nimmt den Leser mit auf das Rettungsschiff

Das Buch erscheint am 16. Oktober, am gestrigen Donnerstag hat Claus-Peter Reisch sein Werk in München vorgestellt. In den Medien und auf Vorträgen hat der 58-Jährige obige Szene geschildert. Er steigt mit ihr auch ins Buch ein. Claus-Peter Reisch schreibt, wie er bei Veranstaltungen spricht: geradeheraus. Lebendig formuliert, lassen die Schilderungen den Leser teilhaben an den Geschehnissen auf der „Lifeline“ oder später vor dem Gericht in Malta, wo sich Reisch wegen falscher Beflaggung verantworten muss und schlussendlich zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro verurteilt wird. Die Enge auf dem Schiff wird fühlbar, die kritische Situation, als Vertreter der libyschen Küstenwache an Bord sind oder die logistischen Herausforderungen, für 235 Menschen auf vier Kochfeldern warme Mahlzeiten zu fabrizieren.

Reisch berichtet auch davon, wie die sechste Mission der „Lifeline“ sein Leben verändert hat: vom Oberbayern, der Weißbier mag und gerne vor Sardinien segelt, hin zum Aktivisten. Seit Sommer 2018 tritt Reisch als Redner auf, trifft Politiker und andere Personen aus dem öffentlichen Leben, wird mit Preisen ausgezeichnet und sammelt Spenden. Gelder hatte er schon zuvor akquiriert, denn die private Seenotrettung finanziert sich aus Spenden. Seine zunehmende Bekanntheit setzt er geschickt ein, Wie der gebürtige Münchner selbst schildert, hat er neben dem seefahrerischen Können weitere Voraussetzungen, um sich als Seenotretter engagieren zu können: Er ist finanziell unabhängig und außerdem „streitbar, manchmal sogar ein Sturkopf“.

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Aktuell läuft in Sizilien ein Verfahren gegen den Seenotretter

In zehn Kapiteln erzählt Reisch in seinem Buch von der Mission, der Gerichtsverhandlung und auch von seinem Trip mit dem Schiff Eleonore, bei der 104 Flüchtlinge aufgenommen wurden. Am 2. September 2019 ruft Reisch den Notstand aus, um in einen sizilianischen Hafen einlaufen zu können. Jetzt drohen ihm rechtliche Folgen: 300.000 Euro Bußgeld sind angedroht. Ein Glossar und ein Anhang erklären seefahrerische Begriffe und die Fahrtrouten der Schiffe. Unterbrochen sind diese teilweise im Präsens gehaltenen, eindringlichen Szenarien von Rückblicken auf Reischs beruflichen Werdegang, einer Motorradreise durch Afrika und Reflexionen über die Seenotrettung. In manchen Passagen geraten die Texte zu detailreich. Nicht immer fällt es leicht, inhaltlichen Sprüngen zum nächsten Thema zu folgen.

Claus-Peter Reisch bezeichnet sich als jemanden, der „kein politisch denkender Mensch“ sei: „Mich interessiert allein die Rettung der Menschen.“ Einige Absätze später setzt er sich jedoch mit politischen Themen auseinander, beispielsweise der Einstellung des Rettungsprogramms der italienischen Marine „Mare Nostrum“ 2014. Trotzdem gingen die Flüchtlingszahlen 2015 nach oben – und die Menschen ertranken. Laut Reisch starben im April 2015 1200 Geflüchtete im Mittelmeer. Politisch ist auch die Beschreibung eines Motorradtrips durch Afrika 1988. Er nennt Beispiele dafür, wie der Westen auf die Lebensumstände von Menschen in Afrika einwirkt und Fluchtursachen schafft.

Claus-Peter Reisch aus Landsberg war als Kapitän auf der Sea-Eye im Mittelmeer zur Flüchtlingsrettung.
Bild: Claus-Peter Reisch (Archiv)

Reisch erläutert in seinem Buch die wirtschaftlichen Zusammenhänge

Beispiel: Da bei uns Hühnchenbrust und -schenkel stark nachfragt werden, landet der Rest gefroren in Afrika und ruiniert mit Dumpingpreise die dortige Geflügelzucht. Altkleiderlieferungen und internationale Schifffangflotten zerstören andere Märkte. Reisch erinnert daran, dass die Haltung zu Geflüchteten oft auch davon bestimmt ist, wie ihre Fluchtgründe ins eigene politische Weltbild passen. Mit den vietnamesischen Boatpeople aus Vietnam hatte ein Teil der Linken ein Problem. Und der heutige Geflüchtete aus Afrika verweist für Reisch auf die Mitverantwortung des Westens. Für ihn sind Gruppen, die sich „für universelle Menschenrechte, für Humanismus und Nächstenliebe“ eingesetzt haben und einsetzen, wichtig: „Das Retten von Menschenleben sollte nichts mit Ideologie zu tun haben.“

„Das Meer der Tränen – Wie ich als Kapitän des Seenotrettungsschiffes ‚Lifeline‘ Hunderte Leben rettete _ und dafür angeklagt wurde“, 19.99 Euro, Riva-Verlag, ISBN Print 978-3-7423-1133-7.

Lesen Sie dazu auch: Was "Lifeline"-Kapitän Reisch mit Horst Seehofer besprochen hat

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