Newsticker

Nach Trumps Wahlkampfauftritt steigen die Corona-Fälle in Tulsa
  1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Bücherdetektive korrigieren Herrn Goethe

25.02.2008

Bücherdetektive korrigieren Herrn Goethe

Jedes Buch ein eigener Kosmos. Gedruckt von den frühen Meistern der Schwarzen Kunst mit lateinischen und deutschen Texten. Nur vier Tage hatten die jungen Germanisten aus dem Oberseminar von Prof. Freimut Löser zur Verfügung, um in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena den kostbaren Bestand zu prüfen.

Von Alois Knoller

Vier Bücherregale voll alter Folianten standen am Anfang. Jedes Buch ein eigener Kosmos. Gedruckt von den frühen Meistern der Schwarzen Kunst mit teils lateinischen und teils deutschen Texten. Nur vier Tage hatten die jungen Mittelalter-Germanisten aus dem Oberseminar von Prof. Freimut Löser zur Verfügung, um in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena den kostbaren Bestand danach zu prüfen, welche Titel vor fast 500 Jahren zur Bibliothek des sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich des Großmütigen gehörten.

Bestimmte Merkmale halfen den Germanisten bei der detektivischen Arbeit: Haben die Folianten Spuren von den Ketten, mit denen die wertvollen Bücher einst an den Pulten der Bibliothek befestigt waren? Oder befindet sich irgendwo das Exlibris des Kurfürsten? Das kunstvoll gedruckte Eigentümerzeichen wurde in der Regel auf die Innenseite des Bucheinbands geklebt. Schließlich könnten noch Reste der originalen Bibliothekssignatur auf dem Buchrücken übrig geblieben sein. Die Zettel wurden längst abgerissen, aber Klebespuren auf dem Einband lassen Rückschlüsse zu.

"Wir hatten Formulare, mit denen wir einen Band nach dem anderen untersuchten", erzählt Mirjam Jakob von der wissenschaftlichen Exkursion. "Die Bearbeitung der ersten Bücher dauerte noch recht lange, dann bekamen wir Routine." Die jungen Mittelalter-Germanisten, die zum Teil schon ihr Doktorthema bearbeiten, verguckten sich in die Buchtitel, sahen nach den Druckern und suchten die Buchbinder. Zur Belohnung bekamen sie eine kostbare Rarität zu sehen: Die Jenaer Liederhandschrift, eine einzigartige Sammlung mittelhochdeutscher Sangspruchdichtung aus der Zeit um 1320, war gerade für die Restaurierung zerlegt.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Das Ergebnis ihrer Arbeit an der Rekonstruktion der kurfürstlichen Büchersammlung ("Bibliotheca Electoralis"), die Johann Friedrich 1547 von Wittenberg nach Jena bringen ließ, kann man jetzt in einer Ausstellung zum 450-jährigen Jubiläum der Uni Jena besichtigen. Die Augsburger Nachwuchswissenschaftler recherchieren derweil für ihr nächstes Projekt im Zisterzienserstift Hohenfurt in Tschechien. Es geht um deutsche Handschriften.

"Wir haben uns erlaubt, Goethe zu korrigieren", sagt schmunzelnd Sabine Wefers, die Direktorin der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek. Der Gründungsbestand ist wieder komplett zu sehen. Johann Wolfgang von Goethe formte Anfang des 19. Jahrhunderts als Reorganisator der Jenaer Bibliothek das Bild Jenas als "Stapelstadt des Wissens". Mit Leidenschaft ordnete er das Wissen der damaligen Welt gemäß den Maßstäben seines Verständnisses neu und präsentierte den gesamten Bücherbestand einheitlich. "Doch leider zerriss er dabei historische Zusammenhänge, darunter die Bibliotheca Electoralis", weiß Sabine Wefers. "Meinung

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren