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Theater

02.08.2019

Da fliegt einem der Brecht um die Ohren

Uwe Bertram (Regie/Leiter Theater Wasserburg), Nina Frank (Circus Boldini/Artistische Leitung) und Wolfgang Hauck (Die Stelzer/Produktion) vor dem Zelt, in dem „Arturo Ui“ aufgeführt wird. Die Bilder unten zeigen Hauck beim Anlegen der Stelzen und die Zirkusfamilie Frank.

Ein ungewöhnliches Spektakel erwartet Landsberg: Das Wasserburger Theater tritt zusammen mit den Stelzern in einem Zirkuszelt auf der Waitzinger Wiese auf. Gezeigt wird „Arturo Ui“ von Bertolt Brecht

„Schade, dass der Arturo Ui so aktuell ist. Und: Es wäre besser, wir müssten den Brecht nicht mehr spielen.“ Uwe Bertram, vielfach ausgezeichneter Schauspieler und Leiter des Theaters Wasserburg, mag es gerne ein wenig provokant. Wie ernst die Verquickung von Politik und Populismus aktuell ist, fasse doch immer noch am besten Bertolt Brecht zusammen: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“. Diese Schlussworte aus dem Epilog des Stückes stehen bis heute als Warnung vor Antisemitismus und Populismus.

Deshalb also der Arturo Ui, eine Parabel über die Machtergreifung und den Machtausbau Hitlers, seinerzeit von Brecht auf das amerikanische Gangstermilieu transferiert. „Wir hatten unseren Eierkopp schon“, poltert Bertram, „aber schauen wir uns doch um, Amerika, Italien, überall lassen sich die Menschen von Populisten verführen.“

Ein ungewöhnliches Theaterspektakel erwartet die Landsberger am Samstag auf der Waitzinger Wiese. Ein kleines Zirkuszelt (nur 250 Plätze) mit runder Manege und all dem Zauber der Zirkuswelt. Eine Kooperation von ausgebildeten Artisten, klassischen Schauspielern, Stelzern sowie einer professionellen Band. „Das macht riesig Spaß“, sagt Uwe Bertram, „man erwartet die leichte Muse und dann fliegt einem der Brecht um die Ohren.“ Bertram ist verantwortlich für Regie und Inszenierung, „aber eigentlich ma-chen hier alle alles.“

Vor einigen Jahren, so die Vorgeschichte, besuchte Bertram mit seinem Sohn einen kleinen Familienzirkus, einen, der wirklich nur aus einer Familie besteht, dies allerdings schon seit Generationen (O-Ton Uwe Bertram: „Ich war schockverliebt. Sie sind wirklich ganz entzückend“). Den Circus Boldini gibt es seit 1812, Direktor Philipp Frank ist tatsächlich im Zirkus, also im begleitenden Wohnwagen, geboren worden. Mit seiner Frau Nina (die Managerin und artistische Leiterin) und ihren fünf Kindern (im Alter von 13 bis 28) waren sie sofort bereit, Bertrams Anfrage nach einer Zusammenarbeit nachzukommen.

„Der Hitler hat damals seine erste öffentliche Rede im Circus Krone gehalten“, das passe also mit dem Arturo Ui zusammen.

Mit Wolfgang Haucks Stelzern wollten die Wasserburger schon lange mal zusammenarbeiten (Hauck und Bertram kennen sich seit 2007, beide sind im Vorstand des Verbandes der freien darstellenden Künste). Gerade die Verbindung von Stelzenhöhe (gleich Macht) und dem kleinen Mann alias Arturo Ui alias Hitler schaffe eine interessante Perspektive.

Wie, so fragt sich auch Wolfgang Hauck, konnte das eigentlich damals passieren, dass Hitler als kleiner Aktivist in die Festungshaft nach Landsberg ging und als historische Person mit fertigem Buch, Verleger und mächtigen Unterstützern wieder heraus kam? Wie man vom Kleinkriminellen zum Großkriminellen wird, genau darum geht es in Brechts „der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Ohne Unterstützer ging das weder damals noch heute.

Gesprochen wird in der Brecht’schen Versform, „weil die Verdichtung in dieser Sprache so intensiv ist“, erläutert Bertram, „dass ich viel mehr Worte bräuchte, wenn ich es in Prosa übersetzen würde.“ Und er schiebt gleich eine Erklärung des Brecht-Theaters als solches hinterher: „Das ist kein bürgerliches Einfühltheater, Brecht will, dass du selbst denkst und entscheidest.“

Die Frage, wo das Stück nach Wasserburg (Premiere 2017) hingehöre, war schnell entschieden: Neben dem oberfränkischen Wunsiedel, wo es alljährlich große Rudolf-Heß-Gedenkmärsche gab, dann natürlich nach Landsberg. Nicht nur, weil dieses Jahr das 25-jährige Namensjubiläum „Der Stelzer“ gefeiert wird, sondern vor allem, und jetzt zeigt Wolfgang Hauck Richtung Norden, „weil 340 Meter von hier die Zelle Sieben war, in der Hitler seine Protegés empfangen hat“.

Hauck als Produzent und „Mann für alles drumherum“ hat gemeinsam mit seinem früheren Stelzer-Partner Peter Pruchniewitz die Schauspieler des Theaters Wasserburg gecastet und auf Stelzen ausgebildet. Die gesamte Zirkusfamilie Frank ist mit artistischen Showeinlagen eingebunden, dazu kommen sechs professionelle Musiker, eine Opernsängerin sowie sieben Schauspieler des Wasserburger Ensembles. Dromedare soll es übrigens auch geben. Es scheint also nicht zuviel versprochen, wenn auf der Ankündigung steht „Arturo Ui: Revue, Zirkus, Drama, Parabel, Krimi.“

3./4./9./10./11. August jeweils 20 Uhr, Theater-Zirkuszelt auf der Waitzinger Wiese. Der Dokumentarfilmer Robert Fischer sowie der Bayerische Rundfunk werden für Filmaufnahmen erwartet.

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