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Windach

16.05.2020

Damit die Fische wieder in der Windach wandern können

So sieht es jetzt an der Stelle des einstigen Wehres bei Oberwindach aus.

Plus Der Abbau eines Wehres hat in Windach für viele Diskussionen gesorgt. In einem Gespräch mit dem WWF erklärt der zuständige Mitarbeiter des Wasserwirtschaftsamts nochmals den Sinn und die Wirkung der Aktion.

Alle zwei Jahre wird weltweit der Tag der Wanderfische gefeiert. Dieses Jahr war der Termin für den 16. Mai angesetzt. Der Aktionstag sollte mit der internationalen Tagung „Dam Removal goes Alps“ in Holzhausen am Ammersee begangen werden. Geplant wurde der Expertenaustausch zum Dammrückbau von den Organisationen WWF Deutschland, Schweiz und Österreich zusammen mit der World Fish Migration Foundation, aqua viva, European Rivers Network, Bund Naturschutz, Bayerischer Kanuverband und Landesfischereiverband Bayern. Dann kam die Pandemie. Die Tagung und der Tag der Wanderfische mussten verschoben werden, jeweils um ein Jahr beziehungsweise auf den 24. Oktober. Der Bauingenieur Markus Brandtner vom Wasserwirtschaftsamt Weilheim wäre einer der Referenten gewesen. Sigrun Lange vom WWF hat mit ihm gesprochen.

Lange: Herr Brandtner, Sie sind als Mitarbeiter des Wasserwirtschaftsamts Weilheim zuständig für Gewässerentwicklung. Warum beschäftigen Sie sich seit etlichen Jahren mit der Windach?

Brandtner: Den Vorgaben der EU-Wasser-Rahmenrichtlinie folgend gilt für alle natürlichen oberirdischen Gewässer das Bewirtschaftungsziel, einen guten ökologischen und guten chemischen Zustand bis spätestens 2027 zu erreichen und zu erhalten. Insbesondere gelten diese Vorgaben für die größeren, leistungsfähigeren Gewässer, worunter wegen der vielen Zuflüsse auch die Windach fällt.

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Das Defizit verursacht allein der Zustand der Fischwelt

Im Falle von Defiziten ergreifen wir Verbesserungsmaßnahmen, die wir in Form von Umsetzungskonzepten planen. Das Konzept für die Windach wird derzeit parallel zur Umgestaltung des ehemaligen Wehres aufgestellt. Die biologische Überwachung deckt die Untersuchung von Qualitätskomponenten wie wirbellose Kleinlebewesen, Wasserpflanzen und Algen sowie auch Fischen ab. Dass im Falle der Windach das Umweltziel insgesamt nicht erreicht werden konnte, liegt allein bei Defiziten, welche die Qualitätskomponente Fische betreffen.

Lange: Ich bin vor zwei Wochen vom Ort Windach aus flussaufwärts gewandert und habe sehr viele Fische im Fluss beobachtet. Wie passt dies mit einem unbefriedigenden ökologischen Zustand beziehungsweise Ihrer Aussage zusammen, dass der Fluss als Lebensraum für Fische nur noch bedingt geeignet sei?

Brandtner: Die Windach befindet sich unterhalb des Windachspeichers auf weiten Strecken noch in einem sehr naturnahen Zustand, weshalb für Fische hier grundsätzlich sehr günstige Lebensbedingungen vorliegen. In dieser Hinsicht ist es erfreulich, dass sich vor allem die ehemalige Ausleitungsstrecke oberhalb der Ortschaft Windach besonders positiv entwickelt hat, da diese erst nach dem Bruch des Wehres dauerhaft durch Fließgewässerarten wiederbesiedelt werden konnte.

Einige Arten sind völlig verschwunden

Insgesamt ist es somit nicht verwunderlich, dass die Windach aktuell, rein von der Anzahl her, von einem dichten Fischbestand besiedelt wird. Ausschlaggebend für das Bewertungsergebnis „unbefriedigender ökologischer Zustand“ ist jedoch, dass einige Arten, die ursprünglich typisch waren, entweder völlig verschwunden oder nur noch sehr spärlich vorhanden sind. Ein Hauptproblem liegt in der seit über 100 Jahren bestehenden Fragmentierung des Gewässerlaufs durch Querbauwerke, welche das freie Wandern von Fischen verhindern.

Davon extrem negativ betroffen sind Fischarten, die je nach Lebensphase oder im Jahreszyklus sehr unterschiedliche Lebensräume aufsuchen müssen, die im Gewässersystem mitunter weit voneinander entfernt liegen können. Beispielsweise ist der Laichaufstieg von Fischen aus der Amper in die Windach zum Erliegen gekommen.

Das Wasser wird immer wärmer

Neben den Querbauwerken stellt auch die Erwärmung der Windach ein wesentliches Problem dar. Insbesondere solche Arten, die auf sommerkühle Verhältnisse angewiesen sind, drohen zu verschwinden. Betroffen sind wichtige Leitarten wie die Bachforelle und die Äsche. Neben dem Erwärmungstrend, der auf den Klimawandel zurückgeführt werden kann, wird die Erwärmung durch die Stauhaltungen an den Wasserkraftanlagen und dem Windachspeicher begünstigt.

So sah das vom Hochwasser beschädigte Wehr in Oberwindach im Sommer 2018 aus.
Bild: Julian Leitenstorfer

Lange: Wie kam es dazu, dass das Wehr entfernt werden konnte?

Brandtner: Das Wehr in der zuletzt bekannten Form wurde zur Zeit des Ersten Weltkriegs errichtet und brach im Januar 2015 infolge eines Hochwassers. Aufgrund von wirtschaftlichen Überlegungen hat sich der ehemalige Eigentümer zu einem Verkauf der Anlage entschlossen. Aus gewässerökologischen Erwägungen heraus haben wir uns entschlossen, das Recht zum Nutzen der Wasserkraft und die Anlagen zum Aufstauen zu erwerben, stets mit dem Ziel, die erworbenen Rechte nicht in Anspruch zu nehmen, sondern den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.

Eine Maßnahme um Gefahren abzuwehren

Der Rückbau des zerstörten Wehres erfolgte nicht wegen eines Planfeststellungsverfahrens, sondern allein wegen dessen maroden Bauzustands. Im Januar 2019 war die Bausubstanz bereits so schlecht, dass man unter einer Seitenmauer hindurchkriechen konnte. Zuletzt brach eine etwa zwei Tonnen schwere Betonplatte ab. Aus Gründen der Verkehrssicherheit haben wir uns zu dem kurzfristigen Rückbau entschlossen, um Gefahren für Bürger, die sich am Wehr aufhielten, wie Graffiti an den Mauern bewiesen haben, abzuwenden.

Das alte Wehr in der Windach südlich von wurde im Januar 2019 abgerissen.
Bild: Julian Leitenstorfer Photographie

Lange: Wie hoch waren in etwa die Kosten für den Erwerb des Wasserrechts und den Rückbau des Wehrs? Und welcher gesellschaftliche Gewinn steht diesen Kosten gegenüber?

Brandtner: Über die Kosten wurde Stillschweigen vereinbart. Der gesellschaftliche Gewinn ist schwer zu quantifizieren. Da jedoch in der Windach bis zum Bruch des Wehres über weite Zeiträume kein Wasser floss, ließe sich vor allem die Wiederherstellung des natürlichen Abflusses in dem naturnah erhalten gebliebenen Gewässerbett leicht als großer gesellschaftlicher Gewinn darstellen. Für diese Reaktivierung sind keine Kosten entstanden, da diese Maßnahme quasi von der Natur übernommen wurde.

Die Natur hat es gemacht

Man stelle sich alternativ vor, welche Kosten für eine Renaturierung eines vergleichbar naturnahen Fließgewässerlebensraums über etwa 1,2 Kilometer Länge entstehen würden. Schon der erforderliche Grunderwerb würde die Kosten explodieren lassen. Qualitativ kann man den Gewinn derzeit sicherlich deutlich sehen. In den Gumpen pulsiert das Leben. Im Sommer fand eine Exkursion von Pfadfindern an der Windach statt. Dabei haben die Kinder Kleinstlebewesen in großer Anzahl und in vielfältigem Artenspektrum entdecken können. Auch die bedrohte Mühlkoppe, übrigens ein Wirtsfisch der Bachmuschel, konnte gefunden werden.

Lange: Trotz der von Ihnen geschilderten positiven Effekte des Wehrrückbaus gibt es in der Gemeinde etliche Kritiker des Projekts. Warum?

Brandtner: Die Gründe für die Vorbehalte sind in der vor 2015 bestehenden wasserwirtschaftlichen Situation zu suchen. Beschränkt man den Zeitraum auf das zusammengebrochene Wehr, bedeutet dies, dass die Windach seit mindestens 100 Jahren über Monate eines Jahres hinweg kein Wasser führte.

Der neue Zustand befremdet zunächst

Damit wurde dieser Zustand in der Bevölkerung als der Normalzustand wahrgenommen, und der neue, eigentlich ursprüngliche Zustand wird zunächst als befremdlich empfunden. Auch eine Notwendigkeit, die Windach ausschließlich im alten Gewässerbett fließen zu lassen, erschließt sich aus den Erfahrungen der Bürger heraus nicht zwingend. Für die Anrainer des Mühlbachs hat sich ebenfalls über Nacht die vertraute Situation, auf die man sich zum Teil mit liebevoll ausgestalteten Ruheplätzen eingerichtet hat, geändert. (lt)

Wie es 2015 zum Kauf des Wasserrechts durch das Wasserwirtschaftsamt kam, lesen Sie hier: Wird der Mühlbach bald austrocknen?

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