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Landsberg

11.05.2018

Das Leben zweier Frauen zerstört

Ein Mann, der in Landsberg und Marktoberdorf zwei Frauen auf brutalste Weise vergewaltigte, wurde jetzt am Landgericht Augsburg zu 14 Jahren Haft und anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt.
Bild: Jakob Stadler/Symbolfoto

Ein Hobbyboxer vergewaltigt und misshandelt seine Partnerinnen auf brutalste Art und Weise. Ein Fall spielt in Landsberg. Das Landgericht Augsburg verurteilte ihn zu 14 Jahren Haft und Sicherungsverwahrung.

Es war eine Tortur. Für Uschi R., 51, (Name geändert) schien es, als müsste sie die schlimmsten Stunden ihres Lebens noch einmal durchstehen. Drei Tage lang stand sie im Augsburger Landgericht Rede und Antwort, musste sich – was das Recht der Verteidigung ist – intime und für sie demütigende Fragen der beiden Anwälte ihres Peinigers gefallen lassen. Am dritten Tage konnte sie nicht mehr, brach seelisch und körperlich zusammen, bekam Nasenbluten. Der Mann, der ihr und einer weiteren Frau, der 42-jährigen Heidi S. (Name geändert), durch brutale Vergewaltigungen und Misshandlungen das Leben zerstörte, wie die 7. Strafkammer später im Urteil feststellte, saß nur drei Meter von ihr entfernt.

25 Prozesstage in sieben Monaten

Fast sieben Monate lang hat sich das Gericht unter Vorsitz von Dr. Christian Engelsberger mit dem außergewöhnlichen Vergewaltigungsfall zweier Frauen beschäftigt, hat an 25 Prozesstagen 75 Zeugen und sechs Sachverständige befragt. Und hat nun ein drakonisches Urteil gefällt, wie es bei Sexualverbrechen höchst selten ausgesprochen wird: Der Angeklagte Andre W., 32, ein bulliger Hobbyboxer, muss 14 Jahre lang ins Gefängnis. Und das Gericht verhängte die anschließende Sicherungsverwahrung gegen den bereits elffach vorbestraften Angeklagten.

Was Staatsanwältin Birgit Milzarek zu Beginn des Prozess beim Verlesen der Anklageschrift an brutalen Einzelheiten der Übergriffe in Marktoberdorf und Landsberg zwischen Sommer 2014 und November 2015 vortrug, ist schwer zu ertragen. Zweieinhalb Jahre dauerte die Beziehung zwischen Uschi R. und dem Angeklagten. In dieser Zeit fiel er fünfmal über die Frau her, schlug sie mit der Faust und dem Ellenbogen ins Gesicht, in die Rippen, fesselte sie mit einem Handykabel, band sie am Bett fest, vergewaltigte sie stundenlang und bedrohte sie mit dem „Totschlagen“. An Weihnachten 2014, so schilderte Uschi R., habe der Angeklagte sie mit einem Fahrradschloss um den Hals ans Bettgestell gefesselt, als es an der Wohnungstüre geklingelt hatte. An Silvester prügelte der Angeklagte so auf die Frau ein, dass das ganze Bett blutverschmiert war. Bei den Übergriffen erlitt Uschi R. teils massive Verletzungen.

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In Kempten wurde das Verfahren zunächst eingestellt

Trotzdem blieb all das für den Täter zunächst folgenlos. Ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen Vergewaltigung stellte die Staatsanwaltschaft Kempten 2016 wieder ein. Man glaubte dem Opfer nicht. Die Augsburger Anklageermittler dagegen schon.

Als Uschi R., vertreten von Anwältin Cornelia McCready, nach ihrem Zusammenbruch bei der Zeugenaussage für „verhandlungsunfähig auf Dauer“ erklärt wurde, fasste das Gericht einen im Justizalltag völlig ungewöhnlichen Beschluss: Es lehnte den Antrag der Verteidiger Felix Dimpfl und Adam Ahmed ab, die schwer traumatisierte und suizidgefährdete Zeugin erneut zu hören: Allein die nochmalige Ladung könne massive Todeswünsche auslösen, begründeten die Richter.

Heidi S. war das zweite Opfer des Hobbyboxers, die er in einer Bar in Landsberg kennen gelernt hatte. Im September 2016 rastete der Angeklagte nach einem Lokalbesuch völlig aus: Zwei Stunden lang schlug er auf die Frau ein, bis sie nur noch „weißes Licht“ sah, vergewaltigte sie, nahm ihr die Atemluft, biss sie in die Brust und in den Finger.

Mit Glück überlebt

„Sie hat Glück gehabt, dass sie überhaupt überlebt hat“, kommentierte Gerichtsvorsitzender Christian Engelsberger die massiven Verletzungen, die die Frau erlitt, darunter eine Gehirnblutung, einen Bruch des Augenhöhlenbodens sowie zahlreiche Blutungen und Prellungen. Heidi S. musste auf der Intensivstation und später im Therapiezentrum Burgau behandelt werden. Ihre Anwältin Marion Zech beantragte, das Gericht möge ihrer Mandantin im Urteil auch einen zivilrechtlichen Schadensersatz in Höhe von 40000 Euro zusprechen. Dem kam die 7. Strafkammer nach.

Der Angeklagte selbst hatte die Vorwürfe vehement bestritten. Uschi R. lüge, habe alles frei erfunden, und Heidi S. sei von einem Drogendealer vergewaltigt und misshandelt worden. Die Richter freilich hatten „nicht die geringsten Zweifel“ an den Aussagen der Opfer. Bei der Urteilsverkündung am Mittwoch hatte das Gericht vorsichtshalber vier Justizbeamte im Saal postiert. Andre W., dessen Gesicht blass wurde, blieb ruhig. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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