29.04.2008

Das Licht des Südens

Die Vernissage zu Martin Gensbaurs Ausstellung "Ansichtssache" stellte unter Beweis, dass der Ammersee-Hauptort wohl tatsächlich zum Künstlertreffpunkt berufen ist.

Ungeachtet des spröden Bildthemas fand sich am Freitagabend der riesige Hauptraum des Kulturforums so gut gefüllt, dass es fast schon eng wurde. Umso übersichtlicher wirken dagegen die Motive in Gensbaurs Ölbildern.

Orange, ocker und rotbraun ragen da die gegenständlich, fast realistisch getroffenen Wohnblocks. Doch ist es nicht nur die Wandfarbe, die bei der Bildserie "Piazze d'Italia" vom standardmäßigen teutonischen Lichtgrau abweicht. Es ist auch die Färbung des Himmels, die bisweilen jenseits der Transparenz des opalnen Schimmers noch die Transzendenz der Dinglichkeit verspricht.

Denn ein bloßer Zufall scheint es nicht, dass Gensbaur in einem Segelhafen ein (wohl zum Abschleifen der Farbe) kokonartig eingewickeltes Boot fokussiert und damit den Zustand der Verpuppung und Verwandlung zum Thema macht. Ein benachbartes Bild zeigt eine Pizzeria auf einem Steg im Meer, benannt ausgerechnet "L'Arca" - die Arche.

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Viele Bilder verwirren und fesseln durch ihre immanente Poesie des Hässlichen. Da dösen verwaschen beige Industrieruinen in gleißender Mittagshelligheit, während woanders Stahlfragmente gegen vorgewittriges Himmelsblei ragen. Würde man diese Szenerien im Norden malen, wirkten sie entweder bedrohlich oder depressiv.

Mit dem Attribut einer dunklen Zypresse am Bildrand aber vermeint man sofort, selbst noch in der falben Schläfrigkeit italienischer Bausünden das Geräusch von Grillen und den Duft von wildem Thymian zu empfinden.

"Mit deutscher Sonne wär's vorbei", gibt Gensbaur denn auch freimütig zu, "außerdem intensiviert das Meer das italienische Licht." Nur manchmal gebe es ein paar wenige Stunden, da leuchteten die tristen Hochhäuser zwischen Pasing und Laim genauso geheimnisvoll.

Martin Gensbaur muss es wissen, denn als ehemaliger Kunstlehrer am Landsberger IKG hat er sicher oft die Einfallschneise nach München befahren, wo er heute vor allem andere Lehrer ausbildet. Studiert aber hat er in Mittelitalien, wo er heute auch fast die Hälfte des Jahres über lebt.

Das Faszinosum in scheinbar banalen Ansichten zu finden treibe ihn schon lange um. "Das Motiv mag vielleicht langweilig scheinen, aber der Blick des Malers hoffentlich nicht", lächelt der 49-Jährige. Belegt wird diese Reverenz an die metaphysische Malerei auch durch einige bayerische Kleinformater, die in weißes Plastik eingeschweißte Heuballen im fahlen Wessobrunner Herbstlicht wie jenseitige Zeichen auf eine Wiese stellen. "Betrachten Sie die Bilder nicht als realistische Abbildungen der Wirklichkeit, sondern als Erfindungen, die von der Wirklichkeit ermöglicht sind", forderte Gensbaur in seiner Begrüßung auf und verwirrte noch mehr, als er versicherte, dass er nur male, was er wirklich gesehen habe.

Geöffnet im Kulturforum im "Blauen Haus" bis zum 10. Mai jeweils donnerstags, freitags und an den Wochenenden von 15 - 18 Uhr.

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