Newsticker

Nach Corona-Ausbruch: Tönnies darf in Rheda-Wiedenbrück wieder schlachten
  1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Das eitle Spiel um Gier, Macht und Sex

Shakespeare

18.02.2020

Das eitle Spiel um Gier, Macht und Sex

Die Shakespeare Company Berlin trat mit „Maß für Maß“ im Landsberger Stadttheater auf. Links der Herzog (Tobias Schulze), rechts Pater Peter (Nico Selbach).
Bild: Thorsten Jordan

„Maß für Maß“ kommt in Landsberg als derbe Komödie rüber – in Tradition der Commedia dell’arte

Machtmissbrauch, sexuelle Nötigung und Korruption: Mit der Shakespeare-Komödie „Maß für Maß“ im Landsberger Stadttheater griff die Shakespeare Company Berlin Themen auf, die angesichts ihrer beharrlichen Präsenz wohl ewig menschlich sind. Da es als „Problemstück“ gilt, wird „Maß für Maß“ selten aufgeführt, scheut man doch die Ambivalenz von politisch-moralischen Problemen und den Mitteln der Komödie.

Die Berliner Company entschied sich für eine Komödie im Stil der Commedia dell’arte. Diese Urform des Theaters, entstanden im 16. Jahrhundert in Italien aus dem Straßentheater der Jahrmärkte, zeichnet sich durch überstilisierte, maskenartige Figuren aus, durch derben Humor und Slapstick, und sie darf keinesfalls als oberflächlich oder übertrieben bewertet werden.

Sie ist die Mutter aller Komödien, wenn nicht des Theaters überhaupt, und wurde erst im 18. Jahrhundert vom literarischen Theater überholt und verächtlich gemacht. In dieser Urform des Theaters geraten die ernsthaften Problemthemen oft bewusst in den Hintergrund, zugunsten von Lachnummern und Schenkelklopfern. So auch in der Inszenierung von Matthias Grupp. Allein schon die Kostüme gleichen denen einer fahrenden Schauspieltruppe: Jacketts werden über Damen-Unterkleidern getragen, den Herzog ziert eine riesenhafte gepuderte Perücke à la Louis XIV., die Hosen und Jacken sind ausgestopft und verleihen den Darstellern groteske Körperformen. Die Schminke ist bewusst verschmiert und fleckig aufgetragen, die Gesichter sehen aus wie verrutschte Masken.

Das eitle Spiel um Gier, Macht und Sex

Die Figuren kriechen, rasen oder turnen nun um drei schlichte Stellwände mit Öffnungen herum, die als Bühnenbild für sämtliche Szenen ausreichen. Die Wände erfüllen ihren Zweck auch deshalb, weil die Schauplätze oft angesagt werden – höchst witzig-dümmlich vor allem von Tobias Schulze als Sekretärin „Frau Schröder“. Ein Glanzstück der komischen Versprecher ist die Rolle des Polizisten Ellenbogen (Katja Uhlig) beim Prozess gegen das Bordellbetreiber-Paar Pompey (Katharina Kwaschik) und Madame Overdone (Tobias Schulze). Weitere Glanzstücke sind die A-cappella-Gesangseinlagen, anspruchsvolle Chorsätze, die von Schlager bis Bach reichen und während des Agierens mehrstimmig gesungen werden. Mehrmals erntet die Truppe dafür Zwischenapplaus. Doch auch Lachnummern kommen beim Publikum bestens an, wie der vergebliche Versuch, einen Stuhl durch eine Türöffnung zu bugsieren, oder das Ausspucken einer ganzen Handvoll Zähne nach einer Rauferei.

Da gerät freilich die moralische Botschaft von Recht und Gesetz – entlehnt dem Bibelspruch „Denn mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden“ – etwas in den Hintergrund. Doch das eitle Spiel um Gier, Macht und Sex in grotesken Masken, bei dem Ernsthaftigkeit und Moral untergehen – ist es nicht genau das, was wir derzeit täglich erleben?

Die Berliner Shakespeare Company zeichnet aus, dass die Darsteller stets eng im Kontakt mit dem Publikum sind, schon vor der Aufführung und während der Pause in Kostümen durchs Publikum streifen und Späße machen, von der Bühne steigen und Zuschauer miteinbeziehen (die erste Reihe ist hier immer eine Risikozone!): Ein Zuschauer wird beinahe mit einer riesigen Säge zur Anschauung „geköpft“. So wird eine Jahrmarkt-Stimmung erzeugt, die das Publikum ermuntert, aktiv zu werden. Die Landsberger haben den Abend offensichtlich genossen und spendeten ungewöhnlich langen Applaus, gefolgt vom gerührten Versprechen der Berliner, wiederzukommen.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren