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Eching/Landsberg

11.11.2017

„Das ist eine Rolle, das bin nicht ich“

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3 Bilder
Emanuel Kasprowicz kommt aus Eching und ist immer wieder gerne mal in Landsberg. Vor allem, wenn es um das Theater geht. In dem Theaterstück „Badehaus Boudoir“ ist er im Kampf mit Superbia (Tine Polzer, Bild links) als Invidia zu sehen. Im rechten Bild oben beim schwebenden Ring.
Bild: Julian Leitenstorfer

Emanuel Kasprowicz ist Schauspieler, Tänzer und Sänger. In Landsberg spielt er, knapp bekleidet, Invidia im „Badehaus Boudoir“. Ein Porträt.

Derzeit sorgt ein Theaterprojekt in Landsberg für viel Aufsehen. Die „Gruppe Randerscheinungen“ beschäftigt sich im „Badehaus Boudoir“ mit Menschen, die nicht im gesellschaftlichen oder sexuellen Mainstream leben. Denn die Welt ist nicht nur schwarz oder weiß, es gibt so viele bunte Zwischentöne. Den Mann, der heimlich Frauenkleider probiert; das Mädchen, das lieber ein Junge wäre und alles Weibliche verabscheut, sich aber vielleicht dem gesellschaftlichen Druck beugt und als burschikose Frau lebt. Der maskuline Mann, der im Bett Männer bevorzugt und dennoch mit einer Frau verheiratet ist. Die androgyne Frau, die beide Geschlechter liebt.

Einfach ist das Leben außerhalb des gesellschaftlichen und sexuellen Mainstreams jedoch nie. Innere Zerrissenheit, ständiges Hinterfragen der eigenen Identität, schiefe Blicke von außen. Bühne frei für das Projekt Randerscheinungen, das mit seinem neuen Stück vielen sexuellen Spielarten Raum gibt. Neben Lack, Leder, Strapsen und viel nackter Haut gibt es dort auch Invidia, eine Transsexuelle beziehungsweise einen Transmann, also einen Mann, der sich als Frau fühlt und als Frau lebt.

Er ist ausgebildeter Musicaldarsteller

Hochgewachsen, superschlank und durchtrainiert. Schwarzer BH, dezentes, aber eindeutig feminines Make-up und Perücke. So steht Emanuel Kasprowicz als Invidia auf der Bühne des Stadttheaters. Tanzt, singt, streitet sich mit der weiblichen Hure Superbia, bettelt um Zuneigung von Puffmutter Luxuria, will verführen, lästert, tötet und zweifelt. Bewegungen, Gestik und Mimik, alles ist eindeutig weiblich, und doch: „Ich blute nicht.“ Emanuel Kasprowicz spielt Invidia.

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Hier gibt es Impressionen vom Stück.

War es schwierig, sich auf diese Rolle vorzubereiten? „Ich habe in mir nach einem Gefühl der Zerrissenheit gesucht, nach einem Unglücklichsein mit dem, was man ist, nach der Frage: ’Wer bin ich?’ Das habe ich versucht, in die Rolle einzubringen“, sagt der 30-jährige ausgebildete Musicaldarsteller. Deshalb wollte er das Outfit von Invidia auch nicht übertreiben, kein Dragqueen-Drama, sondern eine echte Transsexuelle, die ihr Dasein nicht als eine Spielart der Sexualität begreift, sondern ein Mensch, der sozusagen mit den falschen Geschlechtsorganen geboren wurde. Und die im verruchten Badehaus gehofft hatte, einen Platz zu finden, wo sie akzeptiert wird, wie sie ist.

Eine Herz-OP überstand er

Eine wahrhaft herausfordernde Rolle. Wie war das, als leicht bekleidete Transsexuelle auf der Bühne zu agieren? „Kein Problem“, sagt Kasprowicz, „das bin ja nicht ich. Das ist meine Rolle, und da bin ich ehrgeizig, da gebe ich alles.“ Er spielt nicht nur beim „Badehaus Boudoir“, er führt auch Co-Regie, hat mit Max von Theben (alias Huber) Ideen für das Drehbuch besprochen und weiterentwickelt, leitet als erfahrener Darsteller die anderen Schauspieler(laien) an und kümmert sich um das Licht oder was gerade so ansteht. Emanuel Kasprowicz ist ein Perfektionist. Geboren 1987 in Eching als Sohn der Familienbäckerei Kasprowicz, Realschule in Landsberg (wo er auch Max Huber kennenlernte), FOS in München, Studium der sozialen Arbeit in Pasing und in Wien.

Nebenbei nahm er immer wieder Gesangsstunden, einfach aus Freude am Singen, wie er sagt. Eher zufällig entdeckte er den Flyer der „Stage School Hamburg“, einer privaten Schule für Bühnendarstellung, für Performing Arts. Ein Schnupperworkshop, nach dessen Abschluss man ihm als Einzigen sofort einen Aufnahmevertrag anbot. „Ich habe das erst gar nicht so ernst genommen, es war hartes körperliches Training, es hat Spaß gemacht, und dann hat es plötzlich meine Träume durcheinandergeworfen.“

Er verkauft Körper und Seele

Aber Emanuel hat sich für das Bühnenstudium entschieden. Hat vorher noch seinen Bachelor in sozialer Arbeit abgeschlossen, eine schwere Krankheit inklusive Herz-OP überstanden, und dann ging es los: drei Jahre Profiausbildung in Tanz, Gesang und Schauspiel. Kurz vor Abschluss bekam er bereits das erste feste Engagement für „Westside Story“ am Stadttheater Bremerhaven. Zwei Sommer stand er auf der größten Freilichtbühne Deutschlands, im fränkischen Wunsiedel. „Cats“ in Hamburg und weitere Engagements folgten.

Dann kam die Flüchtlingskrise, und Emanuel Kasprowicz wollte wieder in seinem ursprünglichen Job arbeiten, als Sozialarbeiter mit minderjährigen Flüchtlingen. Aufgrund seiner Bühnenengagements ging das immer nur befristet. „Bühnendarsteller ist ein extrem herausfordernder Job mit intensiven Vorbereitungen, vielen Reisen, arbeiten am Wochenende. Man verkauft sozusagen Körper und Seele für eine gewisse Zeit.“

Nach „Badehaus Boudoir“ will Kasprowicz es ruhiger angehen lassen, weniger Bühne, mehr Sozialarbeit und vor allem mehr Familie. Vor drei Wochen haben er und sein Freund sich verlobt, bald wollen sie von Hamburg nach Landsberg ziehen und vielleicht auch eine Familie gründen. Ein bürgerliches Leben, so ganz anders als seine Rolle als Transmann auf der Theaterbühne.

Stadttheater Weitere Vorstellungen: 28. und 29. November, jeweils um 20 Uhr im Stadttheater. Karten gibt es im Stadttheaterbüro und im Reisebüro Vivell.

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