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Andechs

21.07.2015

Das kleine Welttheater geht zu Ende

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2 Bilder
„Der Mond“ bei den Carl-Orff-Festspielen in Andechs unter der musikalischen Leitung von Christian von Gehren.
Bild: Stefan A. Schuhbauer-v. Jena

Florianstadl Gelungene Illusion zum Abschied der Carl-Orff-Festspiele

Andechs Es geht der Spruch, man solle aufhören, wenn es am schönsten ist. Wäre der Abschied der Carl-Orff-Festspiele, die seit 1998 jährlich einen Festival-Charakter auf den Heiligen Berg bringen, eine solche freiwillige Entscheidung, so wäre dies schon schade. Umso be-dauerlicher ist freilich, dass laut Veranstalter Streitigkeiten mit den Rechte-Inhabern am Orff-Werk nun dafür sorgen, dass am Freitag letztmalig eine Premiere im „Florianstadl“– gleich neben der berühmten Brauerei – stattfand. Gegeben wird „Der Mond“: Ein Werk, das Orff 1939 schrieb und das er als „Kleines Welttheater“ bezeichnete.

Festspiel-Indendant und Regisseur Marcus Everding greift dazu beherzt in die Trickkiste: Mindestens drei Projektoren sind es, die nicht nur über der Bühne, sondern auch an den Seitenwänden des Stadels leuchtend klare Bilder aufscheinen lassen: Kirchenfenster ziehen vorbei und vergrößern sich, Nebelschleier huschen, Sterne glitzern und einmal verwandelt sich die vordere Hälfte des Stadels gar in eine Art Planetarium. Orffs Musik wird dadurch eher noch gestützt und in der Wirkung verstärkt. Nur, als man einmal ganz konkret das Gipfel-Panorama von Lermoos bei Ehrwald erkennen kann, wird der märchenhafte Charakter ein bisschen konterkariert, denn eigentlich soll es ja nicht unsere gewohnte Welt sein, worauf die Handlung zielt.

In Orffs Erzählung, die auf einem Text der Gebrüder Grimm aufbaut, ist der Mond für die Menschen greifbar: Nicht mehr als eine Laterne, die man nach Belieben in den „Eichbaum“ hängen – oder davon natürlich auch stehlen kann. Es sind vier Burschen, die diesen Raub begehen. Prägnant singen Michael Schlenger, Adrian Brunner, Benedikt Eder und Thilo Dahlmann ihre Partien. Der Chor des bestohlenen Dorfes formuliert in herrlich rhythmisiertem Orff-Duktus ein Silben-Stakkato des Erschreckens: „Der Mond ist fort!“ Am Zielort der Räu-ber muss die an Dunkelheit gewohnte Bevölkerung aber erst von den Vorzügen des Nachtlichts überzeugt werden: „Wozu dienet, wozu dienet, wozu dienet uns der Mond?!“

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Es ist dies die einzige Stelle, wo einmal auch eine Off-Stimme aus dem Lautsprecher eine kurze Erklärung übernimmt. Ansonsten füllt Manuel König die Rolle des Erzählers und erinnert in seinen hoch geführten, fast zerbrechlichen Tenor-Linien bisweilen an einen Evangelisten. Die Ehrfurcht, mit der er vom Mond spricht, verdeutlicht, dass es eben doch kein ganz ge-wöhnliches Licht ist, das die Räuber nur noch gegen Gebühr leuchten lassen. Hier hat man sich an einem Teil der Schöpfung vergangen, was so natürlich nicht bleiben darf.

Alle 800 Besucher im ausverkauften Stadl genossen die zugriffsstarken Musiker – das Orchester der Andechser Orff-Akademie des Münchner Rundfunkorchesters unter der Leitung von Christian von Gehren – und den spritzigen Festspiel-Chor. Beide Ensembles hatten sich perfekt auf die Rhythmik Orffs eingestellt und sorgten allein schon dafür, dass man dieses als eher „klein“ eingeschätzte Werk – es würde ohne Pause kaum 90 Minuten dauern – doch mit dem Gefühl von großer Musik erlebt.

Spätestens einen Anklang von Opern-Grandezza verströmt die Szene mit Franz Hawlata, der mit seinem schon in Bayreuth in der Rolle des Hans Sachs erprobten Bassbariton im vom Mondlicht verstörten Totenreich für Ruhe sorgt. Ein bisschen schade vielleicht, dass der Chor hier die Feierlaune nur stimmlich und nicht auch durch eine Choreografie umsetzt.

Das Schluss-Thema bringt, mit zarten volksmusikalischen Elementen durchsetzt, den Mond und mit ihm die Harmonie zurück auf die Erde. Es wirkt sehr weise, dass nun auf alle Zaubertricks aus den Projektoren verzichtet wird, denn Orffs Musik steht hier ganz für sich.

Wohl mag Orff 1939 bei der Abfassung dieses Werkes schon an die Zerbrechlichkeit des Friedens gedacht haben. Sicher aber noch nicht an die Kapitalisierung von Gütern aus der Natur, wie sie mit Patenten auf Saatgut oder mit der Privatisierung der Trinkwasserversorgung diskutiert wird. Auch im Bezug darauf wird das geldgierige Stehlen des Allgemeinguts „Mondlicht“ zu einer sehr heutigen Parabel – vor allem aber zu einem eindrucksvollen Abend.

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