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Landsberg

17.05.2018

Das rollende Wohnzimmer

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2 Bilder
Udo Frechen aus Ramsach in seinem Hymer-Wohnmobil. An Pfingsten findet ein großes Oldtimer-Treffen auf der Waitzinger Wiese in Landsberg statt.
Bild: Thorsten Jordan

Bergauf schafft Udo Frechens Wohnmobil nur 30 Stundenkilometer. Aber gerade deswegen liebt er sein Gefährt. An Pfingsten treffen sich Wohnmobilfreunde aus ganz Europa in Landsberg.

Vom Fahrersitz aus hat man das Gefühl, man steuert ein großes, behäbiges Schiff durch den Straßenverkehr. Wie auf einem Thron sitzt man und überblickt das hektische Treiben draußen. Bergauf auf der Autobahn schaltet Udo Frechen die Warnblinkanlage an, denn dort schafft sein altes HymerMobil im ersten Gang vielleicht 30 Stundenkilometer. Auf gerader Strecke beträgt die optimale Reisegeschwindigkeit 82 km/h. Aber bergab, „mit angelegten Ohren“, schafft er auch die 91, sagt Frechen stolz. Wohnmobil-Liebhaber sind wie ihre Gefährte: gemütlich, freundlich und nur wenig kann sie schrecken. Wenn das gute Stück eine Panne hat, dann geht Trudi Frechen erst mal nach hinten und kocht einen Kaffee. Udo Frechen aus Ramsach ist Organisator des Hymer-Oldtimer-Treffens an Pfingsten auf der Waitzinger Wiese in Landsberg.

Ersatzteile gibt es so gut wie keine

Er ist Gründer der Facebookgruppe „hymeroldies“. Mit anderen Worten: Er liebt sein Hymer-Mobil 700, Jahrgang 1979, 65 PS. „Eine Rarität, da gibt es nur 14 Stück von“, wie er betont. Mitglied darf nur werden, wer einen echten Oldtimer, ein Hymer-Mobil bis Jahrgang 1987, besitzt. In der etwa 500 Mitglieder großen Gruppe kennt und schätzt man sich. Ersatzteile gibt es für die alten Autos kaum noch. Wenn dann jemand aus Finnland postet, sein Fensterdach sei kaputt, kann es sein, dass Udo Frechen kurzerhand ein gebrauchtes, das er noch im Keller hat, nach Finnland fährt. Urlaub natürlich inklusive.

Von schwäbischer Genügsamkeit

Die Firma Hymer begann vor mehr als sechs Jahrzehnten im schwäbischen Bad Waldsee als Tüftelei zweier begabter Ingenieure. Der Flugzeug-Ingenieur Erich Bachem (Eriba) und der junge Maschinenbau-Ingenieur Erwin Hymer konstruierten den ersten Eriba-Caravan, einen Wohnwagenanhänger. 1961 entwickelten sie das erste Reisemobil des Unternehmens, den „Caravano“. 1971 wurde das erste Hymer-Mobil präsentiert und ging im folgenden Jahr in Serie. Im Laufe der Jahre hat sich Hymer einen Ruf als qualitativ hochwertiger Caravanbauer erworben. Oder, wie Udo Frechen sagt, „die Top-Marke auf dem Wohnmobilmarkt“. Von manchen Modellen sind nur wenige produziert worden, alles handgefertigt und auf Kundenwunsch ausgestattet, die meisten kosteten schon damals so viel wie ein Einfamilienhaus. Die alten Wagen sind heute Kult und steigen bei guter Pflege ständig im Wert.

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Heute ist Frechens Wohnmobil mehr als das Dreifache wert

Doch darum geht es dem gerade 60 Jahre alt gewordenen Udo Frechen gar nicht. In Köln geboren, in München aufgewachsen, hat er schon als junger Mann ein Faible für Oldtimer gehabt. VW-Busse aller Bauarten und vor allem ausgebaute Mercedes-Busse haben es ihm angetan. In der Garage steht auch ein VW-Käfer aus seinem Geburtsjahr 1958. Jetzt sollte etwas Bequemeres her, und so machte sich Frechen vor acht Jahren auf die Suche nach einem Hymer-Mobil und wurde in der Eifel fündig. „Das habe ich komplett ausgestattet, mit Mensch-ärger-dich-nicht-Spiel, Geschirr und allem für 4000 Euro übernommen.“ Heute liegt der Preis für sein Modell bei 13.000 bis 14.000 Euro.

Sogar auf den Hockenheimring haben sich die Oldie-Fans schon getraut

Vor acht Jahren hat er auch die Rubrik „Oldtimer“ im Hymer-Forum HME-Ev und eine der ersten Facebookgruppen zu dem Thema gegründet. Gleich tauchte der Wunsch nach einem Treffen auf und Udo Frechen nahm die Organisation in die Hand. Jedes Jahr an Pfingsten treffen sich die Hymer-Oldies, angefangen auf dem Bielefelder Flughafen über Bad Waldsee, wo das neue Hymer-Museum steht, bis zum diesjährigen Landsberger Treffen. Auch auf dem Hockenheimring gab es schon ein Treffen. „Die langsamste Runde, die dort je gefahren wurde, aber die mit dem meisten Applaus“, sagt Frechen, „da kamen die Mechaniker aus den Boxen und feuerten uns an.“

Für die neuen Fahrzeuge gibt es Spott in der Szene

Die neueren Hymer-Mobile werden in der Szene übrigens ein wenig despektierlich „Joghurtbecher“ genannt. Ihre Verschalung besteht aus Kunststoff, während die alten Modelle überwiegend aus Aluminimum gefertigt sind. „Hält ewig“, sagt Udo Frechen dazu. Außerdem könnten die alten Motoren in ganz Europa in jeder Werkstatt repariert werden. Das Karosseriegestell und die Motoren stammen meist von Mercedes, der Auf- und Ausbau von Hymer. Auch Frechens Garten im beschaulichen Ramsach gleicht einer kleinen Ersatzteilwerkstatt.

In Landsberg werden an die 100 Wohnmobile aus ganz Europa erwartet, Semmelservice, Imbisswagen mit Schweinshaxen, Duschen im Inselbad inklusive. Es ist bis heute das einzige Treffen für diese Fahrzeuge europaweit. Am Pfingstsamstag und -sonntag sind Besucher willkommen.

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