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Kammermusik

25.11.2015

Dem C die Schau gestohlen

Zwei Violinen (David Frühwirth und Joe Rappaport), zwei Bratschen (Dorothea Galler und Birte Altendorf) und zwei Celli (Franz Lichtenstern und Graham Waterhouse) interpretierten das Sextett op. 1 von Graham Waterhouse.
Bild: Julian Leitenstorfer

Das prominent besetzte zweite Konzert im Bibliothekssaal stand ganz im Zeichen des Cäcilienfestes

Selten kommt so ein einfaches mittleres „C“ ganz allein daher. Selbst dann nicht, wenn es wie zuletzt am Sonntagabend in den Kammermusiken im Bibliothekssaal quasi zur „Hauptperson“ einer kleinen, skurrilen Komposition ernannt wird und solchermaßen geadelt von Meister Henry Purcell persönlich eine gewichtige Rolle in dessen „Fantasy upon One Note“ spielt. „Es war tatsächlich immer nur C“, bestätigt Mathis Stier, der junge Fagottspieler, dem die ehrenvolle Aufgabe zufiel, dieses zu interpretieren, auf die entsprechende Nachfrage hin. „Allerdings“, fügt er hinzu, „ist es im Stück tonal immer anders eingebettet und klingt deshalb auch immer anders.“ Doch so wichtig es sich auch nehmen mochte, an diesem ganz im Zeichen des Cäcilienfestes stehenden Konzertabend hatte das „C“ starke Konkurrenz: Eine echte Stradivari, virtuos gespielt von David Frühwirth, und ein leibhaftiger Komponist, der Engländer Graham Waterhouse, stahlen ihm am Ende einfach die Schau.

„Very British“ ging es zu beim zweiten Saisonkonzert – nicht nur im Titel „St Cecilia’s Day“. Es standen auch ausschließlich englische Komponisten auf dem Programm: Henry Purcell, Benjamin Britten und, dank Organisator Franz Lichtensterns guter Vernetzung im Kollegenkreis persönlich anwesend: Graham Waterhouse.

Vier Kompositionen, mit nur einer Ausnahme jüngerer Entstehungszeit, hatte der 1962 geborene Engländer im Gepäck, für jeweils unterschiedliche Besetzung: Das nach eigener Aussage in Landsberg erst zum zweiten Mal gespielte Klavierquartett aus dem Jahr 2014 „Skylla und Charybdis“, das vom Solisten, Ausnahmetalent Mathis Stier, präzise erfasste und eindrucksvoll interpretierte Fagott-Quintett aus den Jahren 2003/2014 und im zweiten Teil, nach Henry Purcells kleiner Hommage an das „C“, einen furiosen „Sword Dance“ für Violine und Klavier, in dessen unruhig auf- und nur in seltenen Momenten kurzen Innehaltens abbrandenden Tonwirbeln Katharina Sellheim temperamentvoll über die Tasten des Bösendorfer-Flügels raste, und auch David Frühwirth seiner kostbaren Stradivari keine Schonung gewährte. Schließlich, als letztes Stück des Abends: das Streichsextett op. 1, in der Entstehung der vier Sätze über die Jahre 1979 bis 2012 hinweg beinahe als eine Dokumentation des kompositorischen Werdegangs von Graham Waterhouse aufzufassen.

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Dem ganz frühen „Allegro con Anima“ ist seine in der kurzen Einführung erwähnte Verwurzelung in der Tradition, „gelebt wurde im Elternhaus viktorianischen Baustils, gespielt auf einem alten Instrument, viel gehört wurde Joseph Haydn“, deutlich anzuhören, aber auch die drei folgenden Sätze, „Time Capsules“, wie Waterhouse sie charakterisiert, spiegeln deutlich wieder, wie er zu deren jeweiligen Entstehungszeitpunkt mit der Frage umging: „Mit oder gegen die Tradition?“ Von den sechs Streichern, zwei Violinen (David Frühwirth und Joe Rappaport), zwei Bratschen (Dorothea Galler und Birte Altendorf) und zwei Celli (Franz Lichtenstern und Graham Waterhouse) gab es hierzu in sehr wandelbarem Spiel großartig herausgearbeitet gut nachvollziehbare Antworten: Immer mehr fand der Komponist zu seinem eigenen Stil, „komponierte sich frei“. Durch den Einsatz verschiedener musikalischer Mittel häufig stark betont ist der Rhythmus: So werden die Saiten manchmal nicht mit der Rosshaar-Bespannung gestrichen, sondern mit dem Holz des Bogens angetippt, einzelne Stimmen ausschließlich oder über lange Passagen hinweg im Pizzicato geführt, es wird mit Springbogen und Stakkato-Spiel gearbeitet und ständigen Taktwechseln und geänderten Schlagzahlen. Das erzeugt den für Waterhouse-Kompositionen oft typischen Eindruck großer innerer Bewegtheit und aufkommender beziehungsweise abflachender Beunruhigung, dies alles aber fern jeglicher Verspanntheit. Kein Grund also, selbst für jene, die zeitgenössischer Musik sonst vielleicht eher skeptisch gegenüberstehen, sich von diesem Komponisten „überfordert“ zu fühlen: Waterhouse bleibt bei aller Modernität immer „gut hörbar“.

Benjamin Britten möge es seinem jungen Landsmann nachsehen: Nicht nur dem „C“, auch ihm wurde am vergangenen Sonntag – nur ganz ausnahmeweise ein Mal – die Schau gestohlen.

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