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Denklingen

07.01.2021

Denklingen: Ortschronist Paul Jörg möchte Geschichte erlebbar machen

Seit knapp 20 Jahren beschäftigt sich Paul Jörg intensiv mit der Denklinger Ortsgeschichte.
Bild: Thorsten Jordan

Plus Ortschronist Paul Jörg aus Denklingen beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte seines Heimatorts. Der Abschuss eines Kampfbombers spielt eine wichtige Rolle.

Alles begann bei Paul Jörg aus Denklingen mit einer Bitte seiner Feuerwehrkameraden: Sie fragten ihn, ob er eine kurze Chronik anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Feuerwehr im Jahr 2001 verfassen könne. Das war der Einstieg, um sich intensiver mit der Ortsgeschichte zu beschäftigen. Über die Jahre hat er zahlreiche interessante und auch weitgehend unbekannte Begebenheiten herausgefunden. Ein verheerender Brand erschwert dabei die Nachforschungen.

Viele Informationen über Denklingens Historie wurden Opfer der Flammen. „Am 14. März 1773 ist das Pfarrhaus abgebrannt und damit wurden sämtliche Matrikelbücher der Kirche und Aufzeichnungen vernichtet. Es ist fast nichts mehr über die Zeit davor vorhanden“, sagt der Ortschronist, der 15 Jahre auch im Vorstand der Denklinger Feuerwehr war. Fündig sei er aber unter anderem in den Archiven anderer Gemeinden, etwa Fuchstal, Osterzell oder Schongau, geworden. Denklingen gehörte ab etwa 740 bis zur Säkularisation zum Hochstift Augsburg. Für eine kurze Zeit (1269 bis 1313) kam das schwäbische Gebiet vorübergehend zum Herzogtum Bayern und damit auch zum Hochgericht Schongau.

Ein tödliches Picknick führt zu politischen Spannungen

Mit der Stadt im Nachbarlandkreis ist auch ein tödlich endendes Picknick verbunden, das sich auf Denklinger Flur zugetragen hat. „Am 10. August 1778 beteiligten sich einige Schongauer an einer Jagd zwischen Schwabniederhofen und Denklingen und überschritten die Grenze. Bei einer Rast wurden sie von einigen Augsburger Jägern überfallen. Dabei wurden zwei Bürger erschossen und die übrigen verjagt“, beschreibt Paul Jörg die Szene.

Paul Jörg fand heraus, dass ein Grenzstein einst für den tödlichen Ausgang eines Picknicks sorgte.
Bild: Jörg

Der Vorfall hatte laut dem Chronisten weitere politische Spannungen zur Folge: Der Bischof von Augsburg verlegte zum Schutz seines Jagdreviers eine Abteilung Soldaten nach Denklingen. Die Grenzsteine, die die Schongauer ignoriert hatten, finden sich noch heute teilweise in dem Wald, sagt Paul Jörg.

Eine wichtige Rolle bei seinen Recherchen spielt inzwischen auch das Internet. „Es ist faszinierend, auf was man alles stößt, wenn man in einer Suchmaschine die Begriffe Denklingen und Schwaben eingibt“, ist der frühere Justizfachwirt, der bis zu seinem Ruhestand am Amtsgericht Kaufbeuren arbeitete, begeistert. Im Internet hat er auch den Fall von Georg Wiedemann entdeckt. Dieser war von 1832 bis 1837 Pfarrer in Denklingen und hatte sich mit dem Geld der Pfarrei abgesetzt. „Er wurde anschließend wegen Unterschlagung gesucht“, so der 68-Jährige. Der Pfarrer sei aber nicht mehr auffindbar gewesen.

Paul Jörg möchte Geschichte erlebbar machen

Und manchmal führen auch ein paar kurze Notizen zu spannenden Begebenheiten. So überreichte ihm die Tochter von Karl Sporer – Denklingens Bürgermeister während des Zweiten Weltkriegs – einige Unterlagen, die sie in einem Schrank gefunden hatte. Dadurch wurde er darauf aufmerksam, dass im Rahmen der Kinderlandverschickung 1943 auch 34 Kinder aus Essen nach Denklingen kamen. Bei den weiteren Recherchen stellte Jörg fest, dass sich bei einer Schulklasse im benachbarten Oberostendorf auch der spätere Fußball-Weltmeister Helmut Rahn befand. Er hielt sich dort fünf Monate auf, bevor ihn seine Mutter wieder heimholte. Rahn erzielte im Endspiel 1954 in Bern das Siegtor für Deutschland. „Ich befrage gerade Zeitzeugen, um mehr über den Alltag mit den evakuierten Jugendlichen zu erfahren“, sagt Paul Jörg.

Und auch auf den Abschuss eines in England gestarteten Kampfbombers in der Nacht vom 25. auf 26. Februar 1944 in Denklingen wurde er durch die Aufzeichnungen von Karl Sporer aufmerksam. Mittels Recherchen im Internet konnte er ein minutiöses Protokoll vom Start bis zum Abschuss, bei dem alle sieben Besatzungsmitglieder starben, erstellen. Die Informationen fand er auf einer Gedenkseite der Briten. Durch die Nachforschungen fand er auch einen Neffen eines dabei getöteten australischen Offiziers, mit dem er in losem Kontakt steht.

Auch der Abschuss eines britischen Bombers im Zweiten Weltkrieg beschäftigt Denklingens Ortschronisten Paul Jörg.
Bild: Waddington Heritage Centre

Paul Jörg forscht aber nicht nur für sich, es geht ihm auch darum, Geschichte erlebbar zu machen. „Eine wichtige Erfahrung in meinem Leben waren Aktionen in der Grundschulzeit wie eine ,Schnitzeljagd’ zu einem historischen Ort oder Kirchturmbesteigungen, was heute in der Schule aus meiner Wahrnehmung zu kurz kommt.“ Er selbst organisierte beispielsweise im Jahr 2007 Besteigungen auf den Kirchturm von St. Michael, der 600 Jahre zuvor erbaut worden war. „Es war ein voller Erfolg. Wir hatten einen großen Besucherandrang.“ Die Kirche selbst ist deutlich jünger als der Turm, weil nur dieser den Brand von 1668 überstand.

Ein Archiv ist der große Wunsch des Ortschronisten

Paul Jörg, der auch Mitglied im Veteranenverein ist, hält zudem Vorträge über Bräuche und Traditionen, unter anderem beim Seniorennachmittag, der coronabedingt derzeit nicht stattfinden kann. Das hat noch einen weiteren Vorteil, so der Chronist: „Dort treffen sich viele wertvolle Quellen, etwa wenn es darum geht, wie der Alltag während des Zweiten Weltkriegs oder in der Zeit danach gewesen ist.“

Ein großer Wunsch – den er mit den beiden weiteren Denklinger Ortschronisten Horst Raabe und Josefine Strobl teilt, ist, dass die Gemeinde ein Archiv einrichtet, in dem ihre Arbeit für die Nachwelt bewahrt wird. Gespräche dazu laufen, berichtet Jörg, der auch gerne in der Natur unterwegs ist und in seinem Garten arbeitet.

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