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Landsberg

07.05.2019

Der Dealer und die große Gerichtsshow

Wegen Drogenhandels in mehreren Fällen muss ein Landsberger für eineinhalb Jahre ins Gefängnis.
Bild: Daniel Karmann/dpa (Symbolbild)

Ein 24-Jähriger hat im großen Stil in Landsberg gedealt und muss jetzt wegen Drogenhandels ins Gefängnis. Ein Zeuge fällt vor Gericht doch noch um und liefert Einblicke in die Szene.

Wer ist Jürgen? Darüber wurde gestern im Amtsgericht lange gerätselt, bis der „große Unbekannte“ für Richter Alexander Kessler feststand. Für ihn ist es der 24-jährige Mann, der auf der Anklagebank saß – und der zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen keinen Ton von sich gab. Gemäß der Anklage soll er von Mitte August bis Mitte September 2018 vielfach „Gras“ (Marihuana) im Wert von 50 bis 100 Euro im Stadtgebiet von Landsberg gewinnbringend verkauft haben: 13 Fälle von vorsätzlichem, unerlaubten Handel mit Betäubungsmitteln habe er sich zuschulden kommen lassen, erklärte der Vorsitzende. Er kreidete dem Angeklagten, bei dem sechs Vorstrafen zu Buch stehen, zudem den verbotenen Besitz von Rauschmitteln an und verurteilte ihn zu einer Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten.

Eine Bewährung kommt Kessler zufolge nicht mehr infrage. Denn bei seinen Vorstrafen, mehrere einschlägig, hätte eine der beiden Bewährungen beinahe gekippt werden müssen.

Die Drogenszene und ihre Geheimsprache

Doch wie ist die Polizei auf den „Jürgen“, wie sich der Angeklagte im Drogengeschäft nennt, gekommen? Im Zusammenhang mit anderen Verfahren soll dieser Name bei einem Abnehmer der Drogen aufgetaucht sein. Ein 19-jähriger Mann, der in der Schweiz wohnt, räumte als Zeuge vor Gericht ein, dass er einen regen Chatverkehr mit einem „Jürgen“ in Sachen Drogen betrieben habe. Auf Fragen des Richters plauderte er auch Interna aus der Rauschgiftszene aus. So zum Beispiel, dass 20 Minuten keine Zeitangabe sei, sondern 20 Euro bedeuteten. Oder dass „Du kommst auf den Hund“ exakt 100 Euro ausmachten.

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Aber dann erzählte der Mann eine Story, die den Richter fast vom Stuhl gehauen hätte: Der Zeuge behauptete nämlich, dass er den Angeklagten persönlich überhaupt nicht kenne, und ihn nie gesehen habe. „Jürgen“ müsse ein anderer Mann sein, nicht der im Gerichtssaal, so der Zeuge. Doch dann folgte die große Überraschung: Der 19-Jährige räumte ein, dass er am Vorabend der Verhandlung „Jürgen“ eine Nachricht geschrieben und mit ihm ein Treffen am Inselbad ausgemacht habe – 70 Minuten vor dem Beginn der Gerichtsverhandlung: Dabei sollte abgeklärt werden, warum er in Landsberg vor Gericht erscheinen soll. Denn er habe doch nichts damit zu tun.

Der Staatsanwalt beobachtet die beiden Männer

Das „Date“ fand wohl statt. Eine halbe Stunde später kamen die beiden Männer zusammen aus der Toilette des Amtsgerichts. Gesehen hatte sie der Staatsanwalt. Er wartete zu dieser Zeit im Flur des Gebäudes auf seinen Einsatz. Der Vertreter der Anklage ist überzeugt, dass „Jürgen“ die ihm zur Last gelegten Straftaten begangen hat. Er sprach sich für eine Haftstrafe von einem Jahr und neun Monaten, für einen Wertersatz von 820 Euro und für die Übernahme der Verfahrenskosten aus.

Rechtsanwalt Marcus Becker, der den Angeklagten verteidigte, sprach von einer dünnen Beweislage und vielen Spekulationen, die für seinen Mandanten durchaus einen Freispruch ermöglichen sollten. Dies zumindest nach dem Motto „Im Zweifelsfall für den Angeklagten“.

Ganz anderer Meinung war der Richter: „Es gibt nicht die geringsten Zweifel“, stellte Alexander Kessler nach der Beweisaufnahme fest. Demnach muss nun der Angeklagte ein Jahr und sechs Monate hinter Gitter. Gegen das Urteil können innerhalb einer Woche Rechtsmittel eingelegt werden. (eh)

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