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Lesung

13.12.2012

Der Erlkönig, ein Übersetzungsfehler

Alexander Netschajew bei der Lesung.
Bild: Andreas Frey

Alexander Netschajew machte „Schülerquälerballaden“ spannend

 Ein „verlorener Sohn“ getraute sich bis fast in die Region zurück: Alexander Netschajew. Der im Jahr 2008 als Intendant des Landsberger Stadttheaters tätige Bühnen-Allrounder gastierte für eine szenische Lesung am Gymnasium der südöstlichen Nachbarkreisstadt. „Was wolltest Du mit dem Dolche? Sprich!“, war der Titel des Balladenabends, mit dem das Weilheimer Gymnasium zugleich die neue Reihe „Literatur erleben“ startete.

Seufzer bei Schiller

„Da hab ich doch schon Seufzer gehört“, sagt Netschajew ganz schülergerecht, als die Rede auf Schiller kommt. Und doch zeigt der 43-Jährige, dass in so mancher – Zitat: „Schülerquälerballade“ – ganz schön Pep steckt. Falls nicht genug „Action“ dabei ist, wie in Schillers „Taucher“, dann beginnt Netschajew erst einmal mit der Demontage des Sujets: „Schiller fand manchmal kein Ende, und nach dem soundsovielten Vers soll Goethe an den Rand geschrieben haben: Du solltest deinen Taucher ertrinken lassen!“

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Das sicherte erst einmal Lacher in der halb mit Erwachsenen, halb mit Schülern vollen Mensa, die fast 400 Leute fasst. Dann also kam er doch, „Der Taucher“ – oder auch nicht, denn statt des ellenlangen Originals brachte Netschajew die ironisch verkürzte Form von Heinz Erhard.

Natürlich aber war der Klamauk nur eingestreut, damit die Konzentration auf die echten Balladen nicht nachließ. Hier grub Netschajew auch manche Seltenheit aus, wie Schillers „Das verschleierte Bildnis zu Saís“. Wie sich ein abenteuerlustiger Jüngling aufmacht, im Mondenschein unbefugt ein Heiligtum zu enthüllen, rezitierte Netschajew bedeutungsvoll und leise, mit langsam sich steigernder Bedrohlichkeit.

Hatte bis jetzt die bis nahe zum Gruseleffekt gehende Stimme getragen, ließ Netschajew an anderer Stelle auch Temperament walten. Zu Goethes „Zauberlehrling“ sprang er auf den Tisch und versuchte von dort, den unentwegt Wasser schöpfenden Besen an der Gurgel zu packen. Auch ein gewaltiger Schwerthieb blieb ohne Effekt, da sich die Besen-Geister teilten und verdoppelten.

Dafür war das Schwert in Uhlands „Schwäbischer Kunde“ umso grausiger eingesetzt, denn „zur Rechten sah man wie zur Linken einen halben Türken heruntersinken“. Netschajew milderte aber die blutigen Szenen ab, indem er erklärte, dass damals die Schwaben als das meistveräppelte Volk herhalten mussten, „wie bis vor Kurzem die Ostfriesen und die Österreicher“, und Uhland mit seinem Text ein positives Ausrufezeichen dagegensetzen wollte.

„Ich würde auch in Landsberg lesen, wenn man mich buchen möchte“, sagte Netschajew unserer Zeitung. Er sei sich sicher, auch „eine Duftnote“ gesetzt zu haben, die manche noch schätzen würden, besonders das Publikum. Andererseits habe er in der Lechstadt einiges gelernt. „Mir ist klar geworden, dass man als Intendant mehr Politikerpflege leisten muss.“ Deshalb sei für ihn klar: „Manche Fehler begehe ich ich jetzt nicht mehr.“

In seiner jetzigen Intendanz am Theater in der Altmark betreut Netschajew seit August ein Haus mit Zuständigkeit für den ganzen Norden Sachsen-Anhalts. Die zentrale Spielstätte in Stendal hat 500 Plätze und 70 Mitarbeiter. Mit einem Etat von 3,5 Millionen Euro seien in der kommenden Spielzeit 16 Premieren geplant. Gastspiele werden das Ensemble auch in die schwäbische Region führen, so im Juni 2013 zu den Landesbühnen-Tagen nach Memmingen.

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