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Stadttheater

11.11.2017

Der einsame Mensch trinkt

Das Metropoltheater zu Gast in Landsberg.
Bild: Julian Leitenstorfer

Ein Resümee von Iwan Wyrypajew

Es war Bertolt Brecht, der seinen Herrn Puntila in Rausch versetzte, um ihn hemdsärmelige Farbe und provozierende Lebendigkeit versprühen zu lassen. Nüchtern war er nur eine blasse, langweilige und gelangweilte Figur. Erwin Sommer in Falladas „Der Trinker“ verkörperte hingegen die soziopathische Entmenschlichung als Folge der Sucht. Der Alkoholiker, als ein Synonym für die Anfälligkeit und den Zweifel in ein humanistisches Urvertrauen.

Iwan Wyrypajew, einer der neuen Stars unter den russischen Dramatikern, lässt seine Figuren einen völlig anderen Weg einschlagen. Ihm geht es nicht um den Akt des Trinkens, und ihm geht es nicht um die „Kater-Moral“ des Suffes. Er zeigt in seinem Stück „Betrunkene“, wie einsam der Mensch an sich ist – außer wenn er trinkt. Der Rausch als eine die Lebensgeister erweckende Stimmungsrakete, als das Mittel der Wahl, wenn es um emotionale Kommunikation und soziale Kompetenz geht. Wie auch immer die aussieht.

Dass eine solche Metapher nur auf dem Boden einer vereinsamenden Gesellschaft greift, machte die Aufführung von „Betrunkene“ im Landsberger Stadttheater deutlich. In der Inszenierung von Ulrike Arnold vermittelte das Münchner Metropoltheater dem Publikum ein Wechselbad der Gefühle.

Dieses reichte von schicksalsschwerer Abhängigkeit bis hin zu puppenlustigen Slapstickeinlagen; von enthemmter Zwischenmenschlichkeit bis zum larmoyanten Partnertausch. In einer solchen Welt kann der Entzug an sich nur als eine deprimierende Reise in die graue Gegenwart der Realität empfunden werden. Die Alternative lautet: Weitertrinken! In einzelnen Episoden tauchen einige der handelnden Figuren immer wieder auf. Sie begegnen sich in nächtlichen Straßen und in Wohnungen, und wieder auf nächtlichen Straßen. Über ihr alltägliches Leben erfahren wir nur Bruchstücke, außer, dass sie als Banker, Leiter vom Festival, Prostituierte oder Ehefrau „arbeiten“. Hingegen viel über ihren Glauben, ihre Hoffnungen und ihre Verrücktheiten.

Die Themen kreisen obsessiv und Mantra-ähnlich um Gott und die Welt. Größenwahn, Maßlosigkeit und triebhafter Sex scheinen die Impulse in einem ansonsten wenig ausgefüllten Innenleben. Anarchie und Melancholie gehen Hand in Hand. So können nur Menschen reden, die ihrem Alltag mit aller Macht entfliehen und kein Quäntchen Hoffnung spüren. Ulrike Arnold inszeniert das Stück als eine zynische Komödie auf das Menschsein. Sie lässt ihre Figuren über die Bühne stolpern oder sich kraftlos in ein Meer von Matratzen sinken. Ihr Gang ist kleinschrittig, die Körpersprache fahrig, ihre Stimmen sind verwaschen, der Rhythmus stimmt. Sie zeigen sich enthemmt und nur selten sympathisch. Das Publikum ist Zuschauer und bleibt es auch. Die Distanz zu den Figuren ist groß, eine Identifikation fehlt. Die einzelnen Szenen wechseln wie im Varieté. Die Matratzen, als einziges Deko-Utensil, werden artistisch über die Bühne geschleppt, Jazzmusik ist jedem „Umbau“ unterlegt – bis eine neue, ernüchternde Nummer dem Menschsein folgt. Auf ins Delirium, dem glückselig machenden Zustand. Es geht um alles – und alles ist nichts.

In Internet

www.kultkomplott.de

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