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20.07.2007

Der lange Arm einer Supermacht und seine Folgen

Kaufering Die Biografie der Dissidentin Rebiya Kadeer (59) beginnt in einer chinesischen Todeszelle. Oder zumindest die Erzählung von Alexandra Cavelius aus Kaufering, die Kadeers Lebensgeschichte niedergeschrieben hat.

Mehrere Wochen hat sich die 40-jährige Autorin mit der Uigurin - Angehörige einer ethnischen Minderheit in China - über deren Leben unterhalten. Aus Kadeers Erinnerungen ist ein ungewöhnliches Werk entstanden - intensiv wie eine Autobiografie und spannend wie ein Roman.

Eine ungewöhnliche Frau. Als sie 2005 das erste Mal über Kadeer in der Zeitung las, habe sie die Person gleich elektrisiert, sagt Alexandra Cavelius. "Ich bin gleich nach München gerast." Dort machte Rebiya Kadeer, erst kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen, Station auf Vortragsreise für eine Menschenrechtsorganisation. "Ich habe sie danach angesprochen und gefragt, ob ich ihre Geschichte schreiben darf. Da hat sie einfach ja gesagt", erinnert sich Alexandra Cavelius.

Bald darauf wollten sich die beiden Frauen zu einem Interview treffen. Doch dann krachte es: Bei einem Attentat in Washington - ein Lieferwagen rammte ihr Auto - wurde Kadeer schwer verletzt.

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Zu einem ersten Interviewtermin trafen sich die beiden Frauen im Februar 2006. "Als wir angefangen haben, trug sie eine Halskrause und hatte eine Platzwunde am Kopf", erinnert sich Alexandra Cavelius. Drei Wochen blieb die Uigurin in Landsberg, wo Cavelius ihr ein Häuschen gemietet hatte. "Wir sprachen jeden Tag, manchmal bis zu zehn Stunden", sagt die Autorin.

Rebiya Kadeer erzählte aus ihrem Leben. Wie sie als Kind von Goldgräbern aufwuchs, als geschiedene Schmugglerin zur reichsten Frau Chinas aufstieg, zur Abgeordneten im Nationalen Volkskongress und zur politischen Gefangenen Chinas wurde.

Die skurrilen und beklemmenden Erlebnisse erzählt Cavelius in "Die Himmelsstürmerin", aus der Ich-Perspektive.

Dabei lässt die Autorin Kadeer flüssig reden, verdichtet mit ihrem nüchternen Berichtsstil die Begebenheiten zu einem spannenden Roman.

Besonders aufwühlend sind die Passagen, in denen es um Menschenrechtsverletzungen und die chinesische Politik gegenüber der uigurischen Minderheit geht. Kaum zu ertragen sind etwa die Kapitel, die Kadeers Erlebnisse im Gefängnis schildern.

Doch auch nach ihrer Freilassung und in den USA hält die Bedrohung an: "Sie ließen Rebiya Kadeer am Telefon mit anhören, wie ihre Kinder in China zusammengeschlagen wurden", sagt Cavelius.

Zwei Söhne hat die Menschenrechtlerin, die in China als Dissidentin und Terroristin gilt. Sie sind in China in Haft, eine Tochter lebt unter Hausarrest unter Polizeibewachung. Wie gebannt lauschte Cavelius der Geschichte der faszinierenden Frau, zeichnete das Gehörte auf Tonband auf und merkte dabei, dass der "lange Arm" der chinesischen Behörden offenbar bis nach Landsberg reicht. Denn "auf einmal", sagt Cavelius, habe der Dolmetscher, Dozent an einer deutschen Universität, sich "seltsam verhalten". "Es war wie im Krimi: Er sagte vereinbarte Termine kurzfristig ab, cancelte Flüge und hielt Tonbandaufnahmen vor mir zurück." Als Cavelius ihm mit rechtlichen Schritten drohte, habe der Mann zugegeben, von chinesischer Seite unter Druck gesetzt zu werden.

Bei der "Supermacht China" hinter die Kulissen zu schauen, ist ein Anliegen von Alexandra Cavelius. "Ich wollte über die Missstände aufklären. Die wenigsten wissen, dass es neben Tibet in China ein zweites Land gibt, das genauso unterdrückt wird."

Das ist mit Kadeers Biografie gelungen - eine intensive und fesselnde Lektüre, die den Leser genauso zu elektrisieren vermag, wie die Recherche über Rebiya Kadeer die Autorin gefesselt hat.

Die Himmelsstürmerin. Chinas Staatsfeindin Nr. 1 erzählt aus ihrem Leben von Alexandra Cavelius ist erschienen im Heyne Verlag, hat 414 Seiten, darunter auch Abbildungen, und kostet 19,95 Euro.

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