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Landsberg

12.11.2017

Der verschwundene Grabstein

Im jüdischen KZ-Friedhof westlich des KZ-Lagers Kaufering VII wurden von 1944 bis 1945 jüdische Häftlinge des Kommandos Kaufering VII in Massengräbern vergraben. Der zweiteilige Friedhof wurde in den 50er-Jahren angelegt.
Bild: Julian Leitenstorfer

Schüler der Mittelschule Landsberg forschen zum ehemaligen KZ-Friedhof Erpfting. Dabei stoßen sie auf interessante und ungeklärte Fragen. Experten der Gedenkstättenstiftung und der Denkmalpflege begleiten das Projekt.

 Er fristete ein Schattendasein im wahrsten Sinn des Wortes. Nahezu unbeachtet von der Öffentlichkeit war ein Teil des KZ-Friedhofes Erpfting im Wald jahrzehntelang eingewachsen von Bäumen, überwuchert durch Gestrüpp und Sträucher. Nun haben sich Landsberger Jugendliche, allesamt Schüler der Mittelschule, im Rahmen des Projekts „Türkenmariandl“ der Ruhestätte angenommen. Die Ergebnisse wurden im Vorfeld einer Sitzung der Arbeitsgruppe zu NS-Dokumentationsorten im Rathaus vorgestellt.

Der Name des Projekts „Türkenmariandl“ mag dem einen oder anderen seltsam vorkommen, gab Projektleiter und Ideengeber Wolfgang Hauck zu. Mit „Türkenmariandl“ wurden aber einst Kinder und Jugendliche türkischer Herkunft bezeichnet, die im Rahmen von verschiedenen Kriegen nach Deutschland und im lokalen Beispiel in die Region Ammersee verschleppt,, und zwangschristianisiert worden waren. Daher wird das Projekt auch durch das Programm „Mein Land – Zeit für die Zukunft“ der Türkischen Gemeinde in Deutschland über das Bundesbildungsministerium gefördert. Das außerschulische Projekt ist laut Hauck ein Teil der kulturellen Bildungsarbeit des Kulturvereins „dieKunstBauStelle“, neben anderen auch von der Hans-Heinrich-Martin-Stiftung und dem Landsberger Tagblatt unterstützend getragen.

Das ist Bildungsarbeit

Und genau diese Bildungsarbeit ist es, die solche Projekte so wertvoll machten, betonte Oberbürgermeister Mathias Neuner. Auf diese Weise würde die Bildung in die Jugend hineingetragen und dafür Sorge getragen, dass das geschichtliche Erbe in den Köpfen lebendig gehalten werde. Die Schüler der Klasse 8M der Mittelschule hatten sich aufgemacht, den weitgehend unbekannten KZ-Friedhof westlich des ehemaligen Dachauer Außenlagers VII inhaltlich zu erfassen und, nach intensiver Recherche unter anderem in Unterlagen der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten und der Militärgeschichtlichen Sammlung der Luftwaffe in der Welfenkaserne, diesen Teil des Friedhofes zu pflegen und wieder herzurichten. Dieser wurde von Unkraut und dichtem Bewuchs befreit, um die Abgrenzungen der Massengräber wieder sichtbar zu machen. Wolfgang Hauck: „Das Projekt basiert zudem auf Interviews mit Zeitzeugen.“ Die wurden von den Schülern mit Erpftinger Bürgern geführt, die sich noch an die Zeiten um 1944/45 erinnerten. Spannend sei dabei der Kontakt zur Frau eines der ehemaligen KZ-Häftlinge gewesen. Projektlehrerin Kerstin Lierhammer erzählt vom regen Briefwechsel der Klasse mit Irmi Freudenreich, der inzwischen 100-jährigen Ehefrau von Itzy Freudenreich, die heute in Dallas (Texas, USA) lebt. Itzy Freudenreich war am 2. Mai 1945 von den amerikanischen Truppen aus dem Lager VII befreit worden, in dem sein Vater kurz zuvor am 23. Februar 1945 gestorben war.

Was die Schüler entdeckten

Außerdem entdeckten die Schüler, dass einer von acht Grabsteinen, der von Zenon Reiber (gest. 1945), wie vom Erdboden verschwunden war. Laut Ulrich Fritz von der Stiftung bayerischer Gedenkstätten werde das Landesamt für Denkmalpflege eine Sondierung des Geländes mit Spezialmaschinen vornehmen. Vermutlich war dieser während des Orkans Niklas 2015 von umstürzenden Bäumen ins Erdreich gedrückt und verschüttet worden. All dies Wissen ist in einem neuen Flyer mit einer Reihe von Bildmaterial und einer genauen Lageskizze festgehalten. Da die Gedenkstätten von Menschen aus aller Welt und auch von Überlebenden und deren Angehörigen regelmäßig aufgesucht werden, liegt der Flyer auch auf Englisch und Hebräisch vor. Die am Freitag gleichzeitig im Rathaus tagende Arbeitsgruppe zum Thema Gedenkarbeit unter Leitung des ehemaligen Ministers Dr. Thomas Goppel scheint nun ebenfalls einen Schritt auf der Suche nach einer zentralen Anlaufstelle für das Holocaustgedenken weitergekommen zu sein. Wie Uli Fritz bestätigte, sei die Diskussion sehr kontrovers, aber auch konstruktiv verlaufen. Als Ergebnis dieses Tages bildeten sich Arbeitsgruppen, die nun die Detailausarbeitung folgender fünf Themenbereiche übernehmen: zentrale Anlaufstelle, zeithistorische Abteilung im Stadtmuseum, KZ-Außenlager VII, Bunker Welfenkaserne und weitere Gedenkorte.

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