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Landsberg

30.06.2017

Die Bilder des Lebens

Motorrad heißt dieses bild von Martin Paulus: Buben in kurzen Hosen, drei Kinder, die auf einem Motorrad sitzen. Eine malerische Interpretation einer alten Fotografie.
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Motorrad heißt dieses bild von Martin Paulus: Buben in kurzen Hosen, drei Kinder, die auf einem Motorrad sitzen. Eine malerische Interpretation einer alten Fotografie.
Bild: Martin Paulus

Der Landsberger Künstler Martin Paulus hat das größte Weltthema in einem kleinen Buch zusammengefasst. Der Ellinor Holland Kunstpreisgewinner liebt Fotoalben.

Das hat man doch schon mal irgendwo gesehen: Die knapp 30 Gemäldeminiaturen in Martin Paulus’ als Buch gedruckten Zyklus „Kasper, Teufel, Tod“ sind künstlerische Interpretationen alter Fotografien, wie sie sich in vielen Fotoalben finden: Kleine Schwarz-weiß-Abzüge zeigen die längst verstorbenen Urgroßeltern oder Großeltern und die Vater und Mutter, wie sie Kinder waren.

Der knapp 30-teilige Zyklus kommt nahezu ohne Text aus. Dieser beschränkt sich auf zwei Zitate am Anfang und ein Inhaltsverzeichnis am Schluss. Martin Paulus reiht sich damit in die Maler und Gestalter früherer Jahrhunderte ein, die ebenfalls nur mit Bildern erzählten: etwa von der christlichen Heilsgeschichte oder antiker Mythologie. Basierend auf einem allgemein verständlichen Code von Szenen und Figuren lasen die Betrachter von Fresken in Kirchen und Palästen. Heute geht das in der Regel nicht mehr so einfach, da es in der modernen multiplen Gesellschaft meist am gemeinsamen Wissen fehlt.

Paulus’ Buch ist eine Ausnahme von dieser Regel: Die Stilistik und Ästhetik der in Gemälde verwandelten Fotos lässt sich unschwer in die ersten beiden Drittel des 20. Jahrhunderts einordnen: Buben in kurzen Hosen, die Mutter in Kleid oder mit umgebundenem Schurz mit dem Kleinsten auf dem Arm, daneben der Vater mit Hut und Mantel, alle meist ernst dreinblickend. Nur manchmal geht es auch etwas heiter zu, etwa auf dem Bild mit den drei Kindern, die auf einem Motorrad sitzen, oder bei einer Berg- oder Bootspartie.

Es sind Essenzen des Lebens, wie sie sich in vielen Fotoalben finden, die gewissermaßen „eine Art privater Mythologie“ zweier, dreier Generationen sind, wie der Maler sagt. Aus der Gegenwart werden diese Bildergeschichten fehlen. Fotografieren ist durch die Digitalisierung inflationär geworden und keinen materiellen Beschränkungen mehr unterworfen. Die Cloud hat das Fotoalbum ersetzt. „Es ist eigentlich eine Implosion oder Selbstzerstörung der Fotografie“, sagt Paulus.

So gerät „Kasper, Teufel, Tod“ zu einem Abgesang auf die Fotografie, die durch die Hand des Malers noch einmal verwandelt wird: Die Gesichter der Fotografierten sind kaum mehr erkennbar, das Foto wird einerseits auf das für den Künstler Wichtige reduziert, andererseits auch in Farbe gefasst. Dabei entstehen aber keine farbenfrohen, heiteren Bilder. Grau- und Erdtöne lassen eine morbide, melancholische Grundstimmung entstehen. Nicht einmal das auf einer Decke auf einer Wiese liegende Baby macht davon eine Ausnahme. Denn wir wissen, das Baby von einst ist inzwischen ein alter Mensch geworden, vielleicht ist dieser auch schon gestorben.

Der Titel des Buchs scheint diese Grundstimmung noch zu unterstreichen. Paulus hat ausgerechnet eine ganz untypische Darstellung aus seinem Zyklus zum Titel gemacht: drei fotografierte Handpuppen des Kasperls, des Teufels und des Tods. Sie verdichten die Essenz des Lebens: das Heitere und Kindliche, die bösen Zwänge des Lebens und schließlich das, womit alles endet. Auf alten Fotografien, sagt der Maler, nehme er das Leben geradezu als etwas Spukhaftes wahr, und er fragt sich, ob es Bilder, Abbilder oder Trugbilder sind, auf denen die Abgebildeten Jahrzehnte später als Wiedergänger Geister wahrgenommen werden.

Martin Paulus fällt in diesem Zusammenhang ein Zitat des russischen Filmemachers Andrej Tarkowski (1932-1986) ein, demzufolge die Aufgabe der Kunst nichts anderes sei, als die Menschen auf den Tod vorzubereiten. Womit wir nicht nur wieder bei der christlichen Kunst, sondern auch bei den Mythen der Vorzeit angekommen sind – der Unterschied ist nur, dass Martin Paulus kein Heilsversprechen gibt.

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