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Ramsach

22.08.2018

Die Herren aus Ramsach mit dem Stopsel

Der Vorstand des Stopselclubs Ramsach (von links): Udo Frechen (Schriftführer), Josef Gigler (Präsident), Robert Bosch (Schatzmeister), Franz Dötsch (Beisitzer) und Max Wagner (Vize-Präsident).
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Der Vorstand des Stopselclubs Ramsach (von links): Udo Frechen (Schriftführer), Josef Gigler (Präsident), Robert Bosch (Schatzmeister), Franz Dötsch (Beisitzer) und Max Wagner (Vize-Präsident).
Bild: Julian Leitenstorfer

In Ramsach gibt es Männer, die immer ein kleines Messingröhrchen bei sich haben sollten. Was dieser besondere Verein macht.

Dinge gibt‘s, die können sich nur Männer ausdenken. Bayerische Männer. Ein Stopsel-Club ist eines davon. Gibt‘s garantiert nur in Bayern. Rund 100 Vereine sollen existieren, einer davon in Ramsach bei Penzing. Frauen sind per Satzungsstatut auch im 21. Jahrhundert noch ausgeschlossen. Tatsächlich gibt es sogar einen Wikipedia-Eintrag, der die Entstehung von Stopsel-, Stöpsel- oder Stopslclubs in Altbayern und Schwaben auf Mitte des 20. Jahrhunderts datiert, in Einzelfällen auch schon einige Jahrzehnte zuvor. Was also ist ein Stopsl-Club und was in Herrgottsnamen machen die Mitglieder?

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Udo Frechen, 60, ist Schriftführer des „Königlich Bayerischen Stops‘l Club Ramsach“. Seit mehr als zehn Jahren, als er aus Gilching nach Ramsach zog, ist er ein engagiertes Mitglied des Clubs und der Dorfgemeinschaft. Beides hängt nämlich zusammen. Er zieht ein kleines Messingröhrchen mit eingedrechselten Ringen aus der Hosentasche, knapp zwei Zentimeter lang. Unten steht normalerweise die Mitgliedsnummer eingraviert, doch Udo Frechen hat sein ursprüngliches Stopselchen verloren, und wartet noch auf die Gravur. Fünf Euro hat ihn der Verlust gekostet. Alles genauestens in der Satzung aufgelistet.

Der Stopsel darf nur in einem Fall zu Hause bleiben

Doch von vorne. An einem Karfreitag des Jahres 1983, es war der erste April, lud Josef Gigler aus Ramsach „per Anschlag“ alle verheirateten Männer des Dorfes in die Bürgerstube ein, um einen Stopselclub zu gründen. Die meisten glaubten an einen Aprilscherz und es erschienen nur sieben Interessierte. Beim Tanz am Ostersonntag überzeugte er weitere fünf Männer und so gründeten diese 13 den genannten Club. Die Gründungsmitglieder haben bis heute alle auf ihrem Stopsl die Nummer 13 eingraviert. Ab da an zählte man aufwärts bis auf heute 63 aktive Mitglieder. Nicht schlecht bei einer Einwohnerzahl von knapp 450 Bürgern.

Die Herren aus Ramsach mit dem Stopsel

„Ein schöner Schmarrn“

Wenn jetzt ein Mitglied ein anderes Mitglied auf der Straße trifft und dieses auffordert, „ihm seinen Stopsel zu zeigen“ und dieser das gute Stück zu Hause vergessen haben sollte, so muss er eine kleine Strafe von 50 Cent (früher 20 Pfennig) zahlen. Es sei denn, er ist in Badehose unterwegs, da darf er laut Satzung den Stopsel zu Hause lassen. „Dieser Verein hat keinen Sinn“, sagt Udo Frechen, lacht und blättert in seinen Unterlagen, weil er ein Zitat sucht: Am 7. Oktober 1983 hat der erste Vorsitzende Hans Klaus laut Protokoll gesagt „Der Stopselclub ist ein Schmarrn – aber ein schöner Schmarrn.“ In den handschriftlichen Aufzeichnungen ist das Wort „schön“ unterstrichen.

Frauen sind bis auf eine Ausnahme tabu

Der vordergründige Vereinszweck scheint zwar sinnbefreit, aber dahinter steckt natürlich vielmehr, nämlich eine Stärkung des gesellschaftlichen Miteinanders im Dorf. Neben der jährlichen Hauptversammlung (mit eigenem, aufwendig gesticktem Wimpel und Logo) veranstaltet der Club jährlich ein großes Kesselfleischessen. Man beteiligt sich am Faschingsball, am Maibaumaufstellen, beim Schützenfest und spendete eine Josef-Figur für die Ramsacher Kirche St. Pankratius. Dazu gibt es pro Jahr zwei bis drei Ausflüge (auch zur Augsburger Allgemeinen), die man gerne gemeinsam mit dem katholischen Frauenbund unternimmt. Alleine ist dann wohl doch langweilig.

Es könnte übrigens sein, dass sich dieses skurrile Brauchtum bald auch in Nordrhein-Westfalen ausbreitet. Der Bruder von Udo Frechens Frau Trudi ist Kölner und ganz begeistert von der Aktivität seines Schwagers. Er ist gerade auf Mitgliedersuche.

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