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Stadttheater "Randerscheinungen"

03.11.2014

Die Hexen – nicht von Eastwick, sondern von Niederlingen

Die drei Tratschtanten: Christina Wachsmuth, Moniks Friesl-Junker und Dr. Regina Kläger als Metzgerin, Näherin und Wäscherin. Der Auftritt dieser Damen ist der Höhepunkt in der Inszenierung.
Bild: Julian Leitenstorfer

Das Stück „Der verdorbene Apfel“ wurde von Autor Maximilian Huber selbst inszeniert. Es überzeugt in den komischen Momenten

Einen verdorbenen Apfel – den mag keiner essen, und der Apfel ist hier vordergründig das Symbol für die Menschen, die ein wenig anders sind und deshalb in Teilbereichen immer noch außerhalb der Gesellschaft stehen. Für die Menschen, mit denen keiner der „Normalen, Angepassten“ etwas zu tun haben will. Doch sind es nicht sie, die verdorben sind, sondern diejenigen, die sie aus Neid, Unsicherheit, Ignoranz und Dummheit verfolgen. Das zeigt Maximilian Hubers Stück sehr deutlich. Und so gibt Clémence (Souhaila Amade) am Ende Alexis (Simon Kares) diesen Apfel als die stete Erinnerung für seinen Verrat und seine Feigheit. Hubers Stück ist angelehnt an Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ und ist ein Drama mit Tiefgang, viel Dramatik und grotesken Szenen, das uns allen die Verlogenheit und Spießigkeit einer kleinbürgerlichen Gesellschaft vor Augen führt. Wie schnell man allerdings selbst in diesen Teufelskreis gerät, ohne es eigentlich zu wollen, erlebt der junge Mann Alexis, der sich nicht gegen die Dorfgemeinschaft und seine Eltern wehren kann. Er liebt Clémence, der, weil er schwul ist, ins Gefängnis gebracht, und nach seiner Entlassung fast zu Tode geprügelt und im Moor abgelegt wird. Clémence kann fliehen und kehrt nach vielen Jahren stark verändert in sein Heimatdorf Niederlingen zurück – um sich zu rächen. Anders als bei Dürrenmatt (hier verspricht die gedemütigte Frau der Dorfgemeinschaft viel Geld und fordert dafür den Tod ihres früheren Geliebten) ist der Plan, den Clémence verfolgt, nicht gleich erkennbar. Clémence rächt sich langsam und schmerzhaft – für alle Beteiligten. Denn Hubers Stück hat keine Helden, sondern nur Menschen, die mit sich und ihrem Leben mehr oder wenig fertig werden. Der lüsterne Bürgermeister (von Norbert Waldmann toll gespielt), der fiese Arbeiter (Daniel Antoni, witzig und doch bösartig) und der Pfarrer (Markus Schaumann), der erst mit dem Stottern aufhören kann, als seine Schuld offenkundig wird. Die feine Dorfgemeinschaft in Niederlingen. Autor und Regisseur Huber treibt das mit den drei Wegener-Wanner-Schwestern auf die Spitze. Sie sind optisch ein wenig wie die Hexen in einer Walpurgisnacht hergerichtet (samt Hexenschuss) und – sie benehmen sich so. Denn diese drei Damen, eine Wäscherin, eine Näherin, eine Metzgerin, sind ein bitterböses Zerrbild einer ländlichen Gesellschaft. Nicht mehr ganz taufrisch, witzig, humorvoll, aber völlig emotionslos, wenn es um andere geht, und nur auf den eigenen Vorteil bedacht, ziehen sie über die restlichen Dorfbewohner in genüsslicher Form her, vom Richter bis zum Pfarrer. Ihre Auftritte sind der komödiantische Höhepunkte im Stück – auch wenn einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt. Huber beweist hier seinen Sinn für skurrile Texte, die von den drei Damen punktgenau und sehr gekonnt gesprochen werden. Alle drei verfügen über Spielwitz und sind in ihren Rollen einfach sagenhaft gut. Die rothaarige Näherin (Monika Friesl-Junker) ist so neugierig wie durchtrieben, Christina Wachsmuth (eine Frau, die auf die Theaterbühne gehört) brilliert als bodenständig-bissige Metzgerin mit Schlachtbeil und losem Mundwerk und Dr. Regina Kläger gibt ein wirklich herzerfrischend boshaftes Waschweib. Auf die Auftritte dieser Frauen freut man sich, denn hier wirkt jeder Satz wie direkt aus dem Leben gesprochen. Drei echte Naturtalente in Sachen Schauspiel.

Auch alle anderen Schauspieler zeigen eine große Textsicherheit, und die Liebe zu diesem Stück, merkt man allen Akteuren an. Huber und Regieassistent Julian Pietsch haben mit „Der verdorbene Apfel“ ein Stück geschaffen, das voller guter Ideen ist. Huber spielt dabei mit vielen Stilmitteln (manchmal wirkt das ein wenig zu aufgesetzt). Das Stück ist zu lang und hat vor allem im ersten Teil Probleme in Fahrt zu kommen. Nach dem fulminanten Auftritt der Schwestern plätschert die Handlung vor sich hin, im zweiten Teil wird das Ganze kompakter, verdichtet sich und die Schauspieler kommen in Fahrt.

Ein gelungener Regieeinfall sind sie Videoeinspielungen im Stück, in denen Julian Pietsch hervorragend als das Kind Clémence agiert. In seinem Gesicht sind deutlich Schmerz und Trauer zu sehen, seine Flucht aus dem Moor ist spannend gedreht.

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Souhaila Amade sprang kurzfristig als Clémence ein – und ist mit den High Heels ein wunderschöner Anblick auf der Bühne. Allerdings machen diese Schuhe den Auftritt auf der Bühne nicht gerade einfacher. Im zweiten Teil wird ihr Spiel sicherer und besser. Vor allem in der Schlussszene kann sie überzeugen. Die junge Verena Hamel hat zwei Songs im Stück, die alleine den Besuch lohnen, ihre Stimme verzaubert alle. Das Team um Maximilian Huber ist sympathisch, engagiert und man darf sich schon auf die nächste Inszenierung von „Randerscheinungen“ freuen.

Auftritt Zu sehen ist „Der verdorbene Apfel“ am Dienstag, 4,. November, ab 20 Uhr im Stadttheater. Karten gibt es im Stadttheaterbüro (08191/128333), beim Reisebüro Vivell.

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