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Kriegsende

28.04.2015

Die Klarinette klagt

70 Teilnehmer haben am Samstag in Utting an die Räumung des KZ-Außenlagers vor 70 Jahren und den anschließenden Todesmarsch erinnert.
Bild: Romi Löbhard

In Utting wird der Räumung des KZ-Außenlagers und des anschließenden Todesmarschs der Häftlinge gedacht

Schweigend, langsam, fast schleichend zogen am Samstag rund 70 Bürger durch Utting. In tief beeindruckender, geradezu beängstigender Weise erinnerten sie damit an die Zwangsräumung des KZ-Außenlagers Utting vor 70 Jahren, die in einen Todesmarsch mündete. Die noch im Lager befindlichen jüdischen Häftlinge waren damals von ihren Aufsehern gezwungen worden, das Lager zu verlassen. Sie mussten zunächst nach Dachau und von dort gemeinsam mit Häftlingen aus anderen Lagern Richtung Süden laufen, was für viele noch am Kriegsende mit Zusammenbruch des Dritten Reiches den sicheren Tod bedeutete.

Der Gedenkmarsch begann am Uttinger Dorfbrunnen. Dort blickte Bürgermeister Josef Lutzenberger kurz zurück in die Geschichte und davon sprach, dass solche Gräueltaten nie vergessen werden dürften. Nach der klagenden Klezmer-Melodie einer einsamen, von Jeanette Höfer gefühlvoll gespielten Klarinette, setzte sich der Zug in Bewegung. Gemeinsam mit dem Bürgermeister sowie Monsignore Heinrich Weiß von der katholischen Pfarreiengemeinschaft Utting-Schondorf und Pfarrer Dirk Wnendt von der evangelischen Kirchengemeinde Dießen-Utting folgten die Menschen den Linien der vornehmlich aus Osteuropa stammenden, jüdischen Häftlinge. Begleitet von tröstlichem Vogelgezwitscher ging es zunächst zum ehemaligen Dyckerhoff-Gelände, wo die Häftlinge unter schwierigsten Bedingungen zur Arbeit gezwungen worden waren. An dem Mahnmal, das daran erinnert, las der Schondorfer Kirchenpfleger Marius Langer aus den Erinnerungen von Solly Ganor, einem KZ-Überlebenden, der als Jugendlicher in das Uttinger Lager kam. Erneut – und auch an den folgenden Stationen – klagte die Klarinette. Schweigend ging es weiter zur Holzhauser Straße, dorthin, wo sich das Lager befand und bald nach dem Krieg eine Wohnsiedlung entstand. Am Todesmarsch-Mahnmal an der Ecke Holzhauser/Schönbachstraße trug Langer einen weiteren Text aus Ganors Erinnerungen vor. In eindringlichen Bildern hat dieser die chaotischen Verhältnisse bei der Ankunft in Dachau geschildert, die ihm bei allem Elend die Hoffnung signalisierten, dass das Ende nah sein musste. Zunächst aber sei es weiter gegangen, „eine Kolonne grauer Gespenster“ habe sich Richtung Süden in Bewegung gesetzt. Was für viele der sichere Tod war, bedeutete für Solly Ganor die Freiheit.

Der Gedenkmarsch endete am jüdischen Friedhof, wo Pfarrer Wnendt seine Wahrnehmungen, das, was er gehört und gesehen hat, auf dem Weg bis dorthin schilderte. Er sprach von Vögeln und Autos, tief sich einbrennendem klagendem Klezmer, von einem fast ausgestorbenen Dorf und Gärten voller Vergissmeinnicht. „Auch wir sollten nicht vergessen“, forderte Wnendt. Als sichtbares Zeichen der Erinnerung legten die Marschteilnehmer nach jüdischer Tradition des Totengedenkens schwarze Steine auf den Gräbern nieder. Alle Männer trugen dabei die Kippa/Jamulka, die traditionelle jüdische Kopfbedeckung. (löbh)

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