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Landsberg

18.05.2015

Die Kunst, Theater zu machen

Gralf-Edzard Habben ist für das Bühnenbild verantwortlich, und in „Monsieur Chasse oder wie man Hasen jagt“ ist es besonders gelungen. Ein fast gespenstisches Szenario hinter der Wasserwand.
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Gralf-Edzard Habben ist für das Bühnenbild verantwortlich, und in „Monsieur Chasse oder wie man Hasen jagt“ ist es besonders gelungen. Ein fast gespenstisches Szenario hinter der Wasserwand.
Bild: Thorsten Jordan

In Landsberg gab es gleich dreimal das Theater an der Ruhr zu sehen. Zwischen faszinierenden Clowns und Hasenjägern

Wie man Hasen jagt? Das lernt man sicher nicht im gleichnamigen Stück von Georges Feydeau. Und doch hat es viel mit der Jagd nach Hasen zu tun, allerdings mit der nach zweibeinigen.

Das Theater an der Ruhr (Inszenierung: Roberto Ciulli) zeigte diese böse Komödie über Beziehungen, verlogene Freundschaft und doppelte Moral.

Die Komödie ist Teil eines ganzen Wochenendes mit Stücken dieses Mülheimer Theaters, das sich in Landsberg großer Beliebtheit erfreut. Neben „Monsieur Chasse oder wie man Hasen jagt“ waren „Kaos“ und „Clowns 2 ½zu sehen.

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Feydeaus Text ist unglaublich komisch und dennoch bleibt den Zuschauern bei so mancher Szene das Lachen im Halse stecken. Denn Ciulli schafft es mit seiner Inszenierung, das Düstere und Hoffnungslose in den Personen zu zeigen. Eine Geschichte über Betrug und Ehebruch, in der der Mann (Albert Bork) vorgibt, zur Jagd zu gehen und in Wirklichkeit seine Frau (Petra von der Beek) betrügt. Altbekanntes Motiv und trotzdem neu erzählt: Denn hier werden schonungslos die Charaktere gezeigt und ganz offen in Wunden gewühlt.

Léontine entdeckt als Ehefrau den Betrug, will sich rächen und ihren Mann mit Moricet (Steffen Reuber), dem besten Freund ihres Mannes betrügen. Dabei bleibt sie stets kühl, reserviert und versucht immer wieder, aus dem ganzen Schlamassel unbeschädigt zu entfliehen. Steffen Reuber als Moricet gelingt ein großes Kunststück im Spiel. Er schafft es – eigentlich der Verräter im Stück – letztendlich der fast einzige Sympathische zu bleiben. Zumindest hat man Mitleid mit dem armen Moricet, wenn er sagt: „sehe ich vielleicht glücklich aus?“ Bei seinem Moricet blitzt ab und an, ein Funken Ehrlichkeit und ein Hauch von Gefühl hindurch, während alle anderen komplett gefangen sind in ihrem verlogenen Rollenspiel. Eine tolle Leistung des Ensembles in einem Stück so ganz ohne Helden. So bemitleidet man am Ende nicht die bedrängte Ehefrau, sondern fast schon Moricet nach seiner grauenvollen Nacht mit Léontine.

Ciulli lässt vor einem tollen Bühnenbild mit Regenfenstern allerlei skurrile Persönlichkeiten auftreten, die immer wieder dafür sorgen, dass man als Zuschauer amüsiert und irritiert ist. So etwa Kommissar Ratte (Klaus Herzog mit Rattenschwanz), Madame Latour (Volker Roos) mit Geweih, der seltsam androgyne Neffe des Ehemanns (Marco Leibniz), der für so manche Aufklärung sorgt oder die seltsamen Bewohner der Rue D’Athènes 40, die vor allem hinter der Glaswand in Erscheinung trete. Schön sind die Szenen zwischen von der Beek und Reuber, denn hier wird klar, dass die so tugendsame Léontine eigentlich nur darauf wartet, wie sie ihrem Mann am schnellsten verzeihen kann, um wieder zur Routine überzugehen. Eine düstere Komödie, die viel vom Zuschauer abverlangt, der gerne lachen möchte und es doch manchmal gar nicht kann.

„Kaos“ nach den Motiven und Texten von Luigi Pirandello ist eine anspruchsvolle Collage mit Bildern, Gedanken und Dialogfetzen aus 18 Theaterstücken und verlangt vom Publikum volle Konzentration. Lustiger – wenn auch vom Thema durchaus ernst – ist da schon das dritte Stück – ein komisch-musikalisches Unternehmen von Ciulli und Matthias Flake „Clowns 2 ½“.

Diese Clowns entführen den Zuschauer in den Alltag eines Seniorenheims mit einem sehr geregelten Ablauf, denn immer zur gleichen Zeit, egal welche Bedürfnisse man gerade hat, wird gegessen, geschlafen, Gymnastik gemacht, Besuch empfangen.

Was jetzt ins Spiel kommt, ist ein anarchischer Eigensinn, der alles ein wenig aus dem Ruder laufen lässt. Wunderschöne und sehr skurrile Bilder lässt Ciulli hier entstehen, etwa wenn die ganze Clowngruppe zusammen einen Film ansieht. Ein Höhepunkt der Inszenierung, denn hier kann man sich gar nicht sattsehen am Mienenspiel der Schauspieler. Gesprochen wird kaum.

Wundervoll trauriger Bilderreigen

Ein wundervoll traurig-humorvoller Bilderreigen, er nur in der ersten halben Stunde zu langatmig geraten ist. Danach ist man einfach nur hingerissen vom Tanz von Marlene (Dagmar Geppert) und Eric (Klaus Herzog), von den witzigen Alltagsszenen und einem sehr düsteren „Il Gigante Buono“ – ein Krankenpfleger mit Rabennase und Totengesicht, den Rubert J. Seidl einfach perfekt darstellt.

Das Theater an der Ruhr verfügt nicht nur über hervorragende Schausspieler, sondern auch über ganz besondere Typen, es macht einfach Spaß zuzuschauen.

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