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Landsberg

04.08.2019

Die Landsberger Stelzer in einem Stück über Gier, List und Skrupellosigkeit

Auf der Waitzinger Wiese zeigten das Theater Wasserburg, der Circus Boldini und die Landsberger Stelzer das Brecht-Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Im Bild Nina Selma Frank am Vertikaltuch. 
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Auf der Waitzinger Wiese zeigten das Theater Wasserburg, der Circus Boldini und die Landsberger Stelzer das Brecht-Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Im Bild Nina Selma Frank am Vertikaltuch. 
Bild: Thorsten Jordan

Die Kooperation von Theater Wasserburg, Stelzern und Circus Boldini überzeugt mit dem Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Was das Stück so besonders macht.

Wenn auf einem so kargen, drögen Platz wie der Waitzinger Wiese zurzeit ein zauberhaftes, kleines Fleckchen Theater- beziehungsweise Zirkusatmosphäre entsteht, so ist das dem Theater Wasserburg, dem Circus Boldini und den Landsberger Stelzern zu verdanken. Eine helle Lichterkette, ein liebevolles Catering an Stehtischen vor dem eigentlichen bunten Zirkuszelt stimmen den Besucher auf den Brecht’schen Arturo Ui ein, auf dieses Gangsterstück, mit all den deutlichen Verweisen auf den Aufstieg Adolf Hitlers zum Diktator.

Der Aufstieg eines Kleinkriminellen

Zumindest hat Bertolt Brecht diesen Verweis intendiert, als er das Stück 1941 schrieb und in die amerikanische Gangsterwelt von Al Capone transferierte. Aus heutiger Sicht ist es – neben dem historischen Aspekt – viel allgemeiner zu interpretieren: Ein geltungssüchtiger, eher primitiver, aber gerissener Kleinkrimineller, zunächst abgelehnt von der Macht- und Geldelite, nutzt die Gunst der Stunde, nämlich die vorherrschende wirtschaftliche Krisensituation, um den Herrschenden seine Dienste anzubieten. Er wird nicht ernst genommen, ein ungebildeter, kleiner Niemand. Daraufhin beginnt er – die Zufälle sowie seine schmierigen Unterstützer und späteren Vollstrecker sind auf seiner Seite – zu intrigieren, zu erpressen. Denn „die da oben“ haben selbstverständlich auch Dreck am Stecken. So gelingt es ihm, nach und nach seinen Einfluss auf die Elite, die ihn nach wie vor verachtet, zu erweitern.

Vor Mord und Totschlag schrecken Ui alias Hitler alias jeder beliebige Diktator nicht zurück, er selbst macht sich dabei natürlich nicht die Hände schmutzig. Die Elite (gleich ob Kapital, Politik oder Presse) zieht sich irgendwann geschlagen zurück, leugnet ihre eigene moralische Verantwortung und wartet darauf, dass vielleicht irgendwann jemand kommt, der dem nun uneingeschränkt Herrschenden Ui die Zähne zeigt.

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Die Schauspieler überzeugen

Schauspielerisch großartig umgesetzt, allen voran mit einem sensationellen Hilmar Henjes, der den Arturo Ui zwischen schmierig, machtgeil, gerissen, manisch und skrupellos absolut überzeugend umsetzte. Seine willfährige Vollstreckerin Regina Alma Semmler (zwischendurch auch am Klavier) passte ebenso wie die wunderbare Gruppe auf Stelzen (Annett Segerer, Susan Hecker, Carsten Klemm, Nik Mayr und Andrea Merlau). Gerade die Entscheidung, den Ui mit seinem „Hündchen“ als einzigen nicht auf Stelzen zu schicken, ist genial. Während dieser „kleine Mann“ nämlich agil bleibt, müssen die Stelzer vorsichtig, fast behäbig agieren. In ihren langen grauen Anzügen sind „die da oben“ ein Hingucker und gleichzeitig eine Parodie der Macht.

Die Artisten binden sich sehr gut in das Stück ein

Die Einbindung der Artisten vom Circus Boldini überzeugte vor allem in der zweiten Hälfte des Stückes. Während das Vertikaltuch und der Hochreif einfach schön anzuschauen waren, hatte man am Hochseil und mit der Tellerakrobatik den Eindruck, die Showeinlage griff den Inhalt des Stückes auf. Die Zirkusfamilie Nina Selma, Peter, Chiara und Mindy Frank meisterten ihre Stücke souverän. Viele kleine szenische und vor allem akustische Details rundeten das Stück ab.

Weitere Vorstellungen finden statt

Ein großes Lob auch an die Band auf der Tribüne. Georg Karger (der auch die musikalische Leitung hatte) am Bass, Pit Holzapfel (Posaune und E-Gitarre), Anno Kesting am Schlagwerk, Wolfgang Roth (Sax, Klarinette, Flöte) und Leonhard Schilde (Violine und Tasten) spielten eine herrliche, teilweise an Tom Waits’ „Black Rider“ erinnernde Mischung aus Ska, Polka und Revue.

Eine kurzweilige, streckenweise rasante Inszenierung, die die Ernsthaftigkeit des Inhalts sehr passend mit Gesangs- und Showeinlagen kombinierte und so für einen unterhaltsamen Abend mit nachdenklichem Hintergrund sorgte.

Weitere Termine nur noch am 9./10. und 11. August.

Mehr über das Stück lesen Sie hier: Da fliegt einem der Brecht um die Ohren

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