Hamburger Kammerspiele

16.10.2015

Die Musik triumphiert

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3 Bilder
Konstantin Moreth und Helen Schneider spielen, singen und erklären.

Eine musikalisch-szenische Biografie des Jazzgitarristen und KZ-Überlebenden Coco Schumann

Das Gastspiel „Der Ghetto Swinger“ der Hamburger Kammerspiele brachte dem Landsberger Publikum im Stadttheater seine eigene Geschichte näher. Mit einem Stück, das eigentlich weniger Theaterstück als vielmehr musikalisch-szenische Darstellung einer Biografie war.

Es war die Biografie des Berliner Jazzmusikers Heinz „Coco“ Schumann, der im Dritten Reich vom Ghetto Theresienstadt aus ins Konzentrationslager Auschwitz und schließlich ins Dachau-Außenlager Kaufering deportiert wurde. Und der nur durch die Musik überlebte.

Es ist der Soundtrack eines Lebens, würde man heute sagen, auch wenn der Begriff im Deutschland der 1930er- und 40er-Jahre noch nicht existierte. Die Hamburger Kammerspiele haben eine siebenköpfige Schauspieltruppe zusammengestellt, die gleichzeitig auch Jazz- und Swingband ist und beide Metiers gleich gut beherrscht. Mit dieser kleinen, vielseitigen Truppe stellen sie das Leben des Jazzmusikers Schumann von der Kindheit in Berlin bis zur Rückkehr aus dem Konzentrationslager dar – und vor allem vertonen sie dieses Leben.

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Heinz (Konstantin Moreth) bekommt als Junge von seinem Onkel einen Rat, den er Zeit seines Lebens beherzigt: „Sei immer da, wo die Musik ist.“ Nun folgt der Zuschauer und -hörer dem jungen Mann in die Kneipenhöhlen Berlins, erlebt Atmosphäre und Stimmung mit Swing-Songs wie „Night and Day“ oder „You Can’t Stop Me“, deren Texte stets einen unterschwelligen Bezug zur Situation des Protagonisten haben.

Souverän führt die US-amerikanische Sängerin Helen Schneider als Erzählerin durchs Stück, und vor allem singt sie die Songs so gekonnt und lässig, wie es eben nur ein „alter Hase“ auf ihrem Gebiet kann. Stellenweise allerdings stört beim Erzählen der amerikanische Akzent die Verständlichkeit, und wenn Schneider in die Rolle der Mutter Schumanns schlüpft, passt er auch nicht. Die lockere Atmosphäre, die die Hamburger Truppe im ersten Teil des Stücks schafft, kippt jäh, als Heinz Schumann deportiert wird. Zunächst gelingt es ihm noch, durch die Musik über Elend und Unterdrückung hinwegzusehen – hier formieren sich die „Ghetto Swingers“ –, doch in den Konzentrationslagern Auschwitz-Birkenau und Dachau-Kaufering muss die Musik dem Willen der KZ-Aufseher folgen und wird pervertiert.

Nur die Tatsache, dass sie Musik machen können, rettet die „Ghetto Swingers“ im KZ, sie spielen vor den Aufsehern buchstäblich um ihr Leben. Die Beklemmung der erzwungenen guten Stimmung beim Privatkonzert für den Lageraufseher wird greifbar mit dem geforderten „La Paloma“.

Was das Stück darüber hinaus auch bewusst machte: vieles davon spielte sich direkt hier vor Ort, in Kaufering, ab.

Es ist ein zwiespältiges Stück. Einerseits ist es gewünscht und erlaubt, Spaß am Swing der 30er-Jahre zu haben, an Benny Goodman und den Jazz-Standards, die damals entstanden.

Andererseits erlebt man das gewaltsame Ersticken dieser freien, lebensfrohen Musik durch die Unkultur des Nationalsozialismus, und das ist bedrückend. Am Ende aber kehrt der Überlebende Coco Schumann nach Berlin zurück, findet die Musiker wieder, und nicht nur er hat überlebt, sondern auch die Musik triumphiert über die Unterdrückung.

An diesem Abend saßen im Theatersaal auch einige Bundeswehr-Offiziere. Oberstleutnant Gerhard Roletscheck und Oberstabsfeldwebel Helmut Müller standen dem Publikum in der Pause als Beauftragte für Gedenkarbeit der Bundeswehr in der KZ-Gedenkstätte Kaufering für Fragen und Gespräche zur Verfügung. Die Biografie kam beim Publikum bestens an, es gab Jubelrufe für Sängerin und Erzählerin Helen Schneider und Hauptdarsteller Konstantin Moreth.

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