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Mundraching

22.07.2020

Die „Spinnerin“ aus Mundraching feiert ihren 90. Geburtstag

Anna Sacher aus Mundraching feiert ihren 90. Geburtstag in dem Haus, in dem sie am 23. Juli 1930 das Licht der Welt erblickte und in dem sie ihr ganzes bisheriges Leben verbracht hat.
Bild: Romi Löbhard

Plus Anna Sacher aus Mundraching feiert ihren 90. Geburtstag. Zu ihren Hobbys gehört der Schießsport. Zu den Vereinsabenden geht sie noch heute und bleibt am liebsten bis ganz zum Schluss.

In Mundraching kennt sie eigentlich jeder. Anna Sacher, die in diesen Tagen ihren 90. Geburtstag feiert. Sie lebt in einem alten Häuschen am Ortsrand. Und mit dem Haus verbindet sie eine ganz besondere Geschichte.

Am westlichen Ortsrand von Mundraching, fast am Lechufer, steht umgeben von alten Obst- und anderen Laubbäumen, ein schmuckes Häuschen, dem Rosen und Geranien sommerliche Frische verleihen. Wer durch die verwitterte Haustür eintritt, wähnt sich in frühere Zeiten zurückversetzt. Alte Geräte, eine Kücheneinrichtung mit Holzherd und Schrank in Pastellfarben, Herrgottswinkel, Eckbank: Ein Museum? Die frisch gepflückten Johannisbeerrispen in zwei vollen Schüsseln, die auf Abzupfen warten, sagen etwas anderes: Das Haus ist bewohnt. Seit 90 Jahren ist es Heimat für Anna Sacher. Mehr als das - am 23. Juli 1930 erblickte sie als Anna Mohrenweiser in diesem Haus auch das Licht der Welt.

Anna lernte in Kaufering Handschuhe zu nähen

Zusammen mit drei Geschwistern wuchs die Jubilarin in dem Haus, das ihr Vater für die Familie gebaut hat, auf. Anna besuchte die Schule in Mundraching, absolvierte eine dreijährige Haushaltslehre, lernte in Kaufering Handschuhe zu nähen und verdiente sich damit eine Zeitlang ihr eigenes Geld.

Interessanter war für Anna aber das Geschäft, das die Mutter in dem Häuschen betrieb und von dem heute noch ein Schild an der Hauswand kündet. „Beim Kroamer - seit 1925“ ist dort zu lesen und genau das war es auch. Ein Kramerladen, in dem es alles zu kaufen gab, was Bäcker, Metzger und Molkerei nicht hatten oder die Mundrachinger selbst erzeugten.

1960 den Kramerladen der Mutter übernommen

Hier ging Anna ihrer Mutter bereits als Mädchen zur Hand und diesen Laden übernahm sie 1960 dann auch. Zwischenzeitlich, mit 27 Jahren hat sie - wie passend - den Kaufmann Erich Sacher geheiratet. Die Ehe blieb kinderlos, dafür zog sie den Sohn ihrer Schwester Josepha auf, die in München als Trambahnfahrerin arbeitete. Der Laden lief gut, an sieben Tagen in der Woche - ja, auch am Sonntag nach dem Gottesdienst, konnten die Mundrachinger kleine und größere Dinge für Haushalt und Werkstatt einkaufen. Nicht nur das - der Laden war wichtiger Treffpunkt für Mundrachinger und Leute aus anderen Dörfern. Hier erfuhren die Besucher das Neueste aus dem Ort und der Region, hier wurden Nachrichten ausgetauscht und weiter gegeben. 1995 war damit endgültig Schluss, Anna Sacher räumte den Laden und ließ die Jalousien herunter.

„Arbeit gab’s immer genug“, meint die muntere Jubilarin lachend, Urlaub war da nicht vorgesehen. Allerdings nahm sich die Ur-Mundrachingerin schon auch ihre Freiräume. Und war, gemessen an der Zeit, in der sie aufwuchs, „eine ganz Wilde“.

Schwimmen im wilden Lech

Sie konnte im Gegensatz zu vielen anderen Menschen in der Gegend schwimmen. „Da bin ich immer über den Lech geschwommen“, erzählt sie und deutet auf ein Foto. Und das Abenteuer leistete sie sich nicht erst nach dem Bau der Staustufe.

Sie genoss auch das Bad im früher teilweise recht wilden Fluss. Bei den Lechflößern ist sie mitgefahren und im Boot mit mehreren andern Leuten. Hatte der Lech mal Hochwasser und einen Teil der hölzernen Brücke auf die andere Seite hinüber weggerissen, „dann bin ich halt über die Bretter gelaufen, mit denen der Schaden provisorisch geflickt war“. Angst kannte Anna offensichtlich nicht. So setzte sie sich schon mal aufs Motorrad und brauste los.

Talent für den Schießsport

Ungewöhnlich ist auch ein weiteres Hobby. 1952, als die wiederbelebten Mundrachinger Hubertusschützen dringend Nachwuchs suchten, habe ihr der Vater ein Gewehr in die Hand gedrückt und sie schießen lassen. Aufgrund ihres Talents wurde sie vom Fleck weg beim Verein angemeldet. Einwände der Mutter habe der Vater nicht gelten lassen, erinnert sie sich. Ein Glücksfall: Anna Sacher war so gut, dass sie es über Wettkämpfe bis zur Schießanlage in Hochbrück schaffte. „Mit 88 hab ich das Gewehr weggestellt und mit dem Schießen aufgehört.“ Das hindert sie mit 90 aber nicht daran, weiterhin alle Schießabende und Vereinsversammlungen zu besuchen. Das gilt auch für den Feuerwehrverein, bei dem sie ebenfalls Mitglied ist.

Und immer sei sie bei den Letzten, die heimgehen - „sonst versäum’ ich ja was“. Mit Menschen ins Gespräch kommen, das ist auch mit ein Grund, weshalb Anna Sacher das Dorfblatt „Vilgertshofer Nachrichten“ austrägt. „Bloß treff’ ich kaum jemand an, wenn ich unterwegs bin“, meint sie bedauernd. Weitere Hobbys sind singen und das Spinnrad drehen. Beides falle leider derzeit der Coronakrise zum Opfer. So war sie öfter zum singen im Kreisseniorenheim in Vilgertshofen. „Aber singen kann ich in der Kirche.“ Dort ist sie bei Gottesdiensten zu finden - wo sie auch mal anstimmt, „wenn wieder keiner die Orgel bedienen kann“.

Spinnkurse im Seniorenheim

Die Jubilarin bot Spinnvorführungen und -kurse im Seniorenheim und im Rochlhaus in Thaining. Vor allem aber ist Anna Sacher in „normalen“ Zeiten in Rammingen, wo sich „17, 18 Spinner“ regelmäßig treffen.

Derzeit geht es Anna Sacher gesundheitlich gut. Dank freundlicher Unterstützer aus dem Dorf kann sie Haus und Garten allein meistern. „Ein paar schöne Jahre wünsch’ ich mir noch. Aber 100 will i net wern.“

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