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Landsberg

27.04.2015

Die Sprache ist der Schlüssel

Der  frühere  Flüchtling Wahid Kussar ist jetzt Elektromeister in einem Betrieb in Kaufering.
Bild: Julian Leitenstorfer

Wahid Kussar kam als Flüchtling. Heute ist er Elektromeister und längst nicht am Ziel.

Wahid Kussars Augen sind hellwach. Wenn er von seinem Leben erzählt, dem neuen in Europa, dann blitzen sie geradezu. Wahid Kussar ist Afghane, lebt aber bereits seit 14 Jahren in Landsberg. Er ist seiner zweiten Heimat ebenso dankbar wie den Menschen, die dort leben. Denn ohne Hilfsbereitschaft und konsequente Unterstützung aus der Bevölkerung hätte er damals ein Ziel nicht erreichen können, das so gar nicht eingeplant war. Der Asylbewerber von einst ist inzwischen staatlich geprüfter und anerkannter Elektrotechnikermeister. Und er hofft, dass sein Beispiel Mut macht: den heutigen Flüchtlingen und der Landsberger Bevölkerung.

Wahid Kussar ist eines von acht Kindern eines Händlers aus Panjsher. Die Provinz liegt circa 100 Kilometer nordöstlich von Kabul. Die Bewohner dort sind überwiegend Tadschiken, wie auch die Familie Kussar – und sie bekamen zunehmend Probleme mit den Taliban und deren Ideologie. 1996 wurde die Familie, die damals noch in Kabul lebte, in den Norden zurückgedrängt, floh nach Panjsher, einem Tal, dass die Taliban auch nach Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen nie unter ihre Kontrolle bringen konnten. Die Kussars waren hochgradig gefährdet, denn so wie Wahid damals arbeitet auch heute noch ein Bruder für die Regierung: „Ich habe als angehender Jurist vom Büro aus organisiert“, beschreibt Kussar seine Rolle, die ihn 1998 zwang, nach Tadschikistan weiterzufliehen, von aus wo er die afghanische Regierung zwei weitere Jahre unterstützte.

2001 fasste Wahid Kussar den Entschluss, nach Europa zu gehen. Er war überzeugt: „Wenn ich in meinem Leben weiterkommen will, dann geht das für mich nur dort.“ Obwohl Deutschland in Afghanistan einen traditionell guten Ruf genießt, lautete sein Ziel zunächst England: „Ich habe in der Schule Französisch gelernt und privat Englisch.“ Bei seinem Aufenthalt in Tadschikistan kam noch Russisch dazu. Er folgte einer Schleusergruppe – Kussar spricht von „Mafia“ – und machte sich auf den Weg, der mehrere Monate dauern sollte. Im Flugzeug, im Auto und zu Fuß überwand die Gruppe die Strecke, teils auf abenteuerlichen Pfaden und ohne Rücksicht auf Leben und Gesundheit der Flüchtlinge. „An der Grenze nach Ungarn zogen die von der Mafia den Stacheldraht des Grenzzauns nach oben, damit wir auf dem Rücken liegend darunter durchrutschen konnten.“ Er erinnert sich, wie sich eine hochschwangere Frau aufgrund ihrer Leibeshöhe die Haut an dem messerscharfen Draht zerschnitt.

Das alles hat er hinter sich gelassen. In Landsberg, in der ehemaligen Ritter-von-Leeb-Kaserne untergebracht, blieb er konsequent bei seiner (Über-)Lebensüberzeugung: „Die Sprache ist der Schlüssel, der die Türe in ein Land öffnet!“ In nur drei Monaten wurde Kussar vom Ausländeramt als Dolmetscher eingesetzt. In dieser Zeit lernte er eine Gruppe Landsberger kennen, denen er viel zu verdanken hat. Unter anderem dabei: der heutige Uttinger Bürgermeister Josef Lutzenberger, damals Lehrer an der Berufsschule, wie auch Kussars späterer Chef Edwin Helmer, der in Kaufering ein Unternehmen im Elektroanlagenbau betreibt und im Übrigen am Donnerstag sein 25. Firmenjubiläum feiert. Der bot dem strebsamen Wahid Kussar einen Lehrvertrag an. Damit ausgerüstet ging dieser zum Ausländeramt, denn als Asylbewerber ohne Anerkennungsstatus durfte er keiner Arbeit nachgehen. „Das war in Deutschland meine einzig wirklich schlimme Erfahrung.“ Dort, so erinnert er sich, nahm man ihm den Lehrvertrag aus der Hand und legte ihn unbearbeitet zur Seite. Beiden, Helmer und Kussar, drohte eine hohe Geldstrafe, sollte es zu dem Beschäftigungsverhältnis ohne offizielle Genehmigung kommen.

Doch Edwin Helmer, von Kussar informiert, ließ nicht locker. Auf zwei DIN A-4-Seiten musste der Unternehmer der Regierung von Oberbayern begründen, weshalb er Kussar als Lehrling einstellen wolle und keinen anderen. Offenbar hatte er die richtigen Gründe genannt, obwohl Wahid, der ja zunächst Rechtsanwalt werden wollte, mit Handwerk zunächst nicht viel im Sinn hatte. Kussar durfte die Lehre antreten, musste aber schriftlich bestätigen, dass er anschließend nach Afghanistan zurückkehrt.

Ein halbes Jahr vor seiner Abschlussprüfung erreichte er mithilfe seiner Unterstützer den Duldungsstatus, 2008 ein Zweijahresvisum. Die Abschlussprüfung schaffte er im ersten Anlauf. Nun konnte er auch seine Familie das erste Mal wiedersehen, die er elf Jahre zuvor zurücklassen musste. 2009 heiratete er, zusammen mit seiner Frau Kathera hat er drei kleine Töchter.

Happyend in Landsberg? Wahid Kussars Ziele waren längst nicht erfüllt. Er wollte etwas für die Beziehungen zwischen Afghanistan und Deutschland tun. Nun nahm er Kontakt zum Deutschen Entwicklungsdienst auf. Was ihm für eine Zusammenarbeit jedoch fehlte, war ein Meisterbrief.

Deshalb schrieb er sich 2013 an der Meisterschule am Münchner Ostbahnhof ein. Sollte es funktionieren, so sein Plan, würde er Frau und Kinder für ein halbes Jahr nach Hause nach Afghanistan schicken und weitermachen: „Wenn ich das schaffe, wäre ich ein Meister – wenn nicht, dann habe ich die Erfahrung gemacht.“ Es hat funktioniert, 2014 war aus dem ehemaligen Asylbewerber Wahid Kussar der Meister für Elektrotechnik geworden.

Die Entwicklungen dieser Tage verfolgt er aktiv. Er unterstützt die Bürgerinitiative Asylunterkunft durch seine Erfahrungen und hat einen klaren Standpunkt zur dezentralen Unterbringung: „Kontakt und Integration sowie das Erlernen der Sprache gelingen sehr viel schneller.“ Große Sammelunterkünfte hält er für schlecht: „Die neue Kultur wächst dort sehr langsam.“ Wahid engagiert sich neben seinem Beruf auch politisch bei der Landsberger Mitte und vielleicht zieht der ehemalige Asylbewerber ja in den nächsten Stadtrat ein. Den Ehrgeiz dazu hat er, die deutsche Staatsbürgerschaft neben der afghanischen vermutlich auch bald.

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