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Drama

01.03.2018

Die Welt, ein erbarmungsloser Kampf

Das Berliner Ensemble gastiert mit Bertolt Brechts „Kaukasischem Kreidekreis“ im Landsberger Stadttheater

Die Geschichte ist einfach erzählt: Die leibliche Mutter, eine vermögende wie hysterische Gouverneurin, flieht während des Bürgerkrieges und lässt selbstsüchtig ihren Sohn zurück. Die Magd Grusche Vachnadze, selbst mittellos und gerade erst verlobt mit Simon Chachawa, der in den Krieg zieht, nimmt das Kind auf, umsorgt es, gibt ihm in abträglichen Zeiten die Zuwendung und später auch Liebe, die ein Säugling braucht, um zu überleben und vielleicht auch eine Chance im Leben zu haben.

Eine Zeit später, es herrscht Friede im Land, kommt die Gouverneurin und fordert ihren Sohn zurück, der aufgrund der neuen/alten Verhältnisse Erbe eines beachtlichen Vermögens ist. Doch die Magd widersetzt sich der Forderung, sodass ein Richter entscheiden muss, wer die wahre Mutter des Kindes ist. Der Sohn wird über einen Kreis gehalten und beide Frauen sollen um ihn kämpfen. Die biologische Mutter zerrt an ihm, ohne Rücksicht auf das Kind. Grusche aber hat Angst, ihn bei diesem Händel zu verletzen. Sie gibt nach, verzichtet zum Wohlergehen des Kindes auf jegliche Gewalt. Der Richter entscheidet letztendlich aber für Grusche, da er in ihrem Rückzug die wahre Liebe einer Mutter zu ihrem Kind erkennt. So bestimmt das „Soziale“ das „Biologische“. Und genau um diese Form der Dialektik ging es Bertolt Brecht nicht nur in diesem 1954 erstmals in Deutschland aufgeführten Drama. „Der Kaukasische Kreidekreis“ war das Eröffnungsstück am Ost-Berliner Theater am Schiffbauerdamm, das Brecht gerade als Anreiz, um im Land zu bleiben, vom damaligen DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl übertragen bekam und das von nun an „Berliner Ensemble“ hieß und für große, auch streitbare Theaterkunst bis heute sorgt.

Vor zwei Jahren nun nahm sich Michael Thalheimer dieser Parabel noch einmal an und schuf eine völlig reduzierte Inszenierung des Stoffes, mit der das Berliner Ensemble am Dienstagabend im Landsberger Stadttheater brillierte. Mit bescheidenem Bühnenbild treibt Thalheimer die Handlung in Brecht‘scher Manier bis an die Barriere des Erträglichen, in manchen Momenten bis über die Schmerzgrenze hinaus. Er lässt die Figuren sich im Blute suhlen, macht die Kriegsgräuel in ihrer psychologischen und leibhaftigen Wirkung spürbar, was für das Publikum nur schwer auszuhalten ist. Aber so entlarvt Brecht, zwischen Expressionismus und Naturalismus changierend, die Gesellschaft, zeigt den Menschen ungeschminkt in einem fast animalischen Aktionismus. In seinem Verständnis von Klassenkampf zeigt er das Glanzlose des Menschseins, vermittelt Scham und Grauen. Eine schöne, heile Welt gibt es nicht. Sie ist erbarmungsloser Kampf.

Das Schauspielerensemble bringt diese Beklemmung provozierend und bedrückend über den Bühnenrand. Allen voran Stefanie Reinsperger, die die Grusche als einen etwas einfachen, bäuerlichen Charakter mit sehr viel Körpereinsatz darstellt. Sie dringt in ihrer fesselnden Präsenz ganz tief ins Innere der Figur, lässt ihr kaum ein Geheimnis, zeigt Angst und Verzweiflung beängstigend real. Ingo Hülsmann als Sänger ist der Erzähler der Geschichte. Kein Moralapostel, sondern eher ein Dandy, der die Handlung emotionslos, fast nonchalant mit einem Hauch Coolness kommentiert. Nico Holonics, der den verlobten Simon gibt, und als gebrochene Persönlichkeit aus dem Krieg zurückkehrt, oder Tilo Nest, dessen Spiel des Richters an eine zynische Farce zwischen Karneval und blutiger Realität erinnert – das Ensemble besticht durchweg in seiner bestimmten und beunruhigenden Darstellung.

Doch im Grunde gehört das Stück allein der Grusche, die mit Blut, Schweiß und Tränen kämpft und mit letzter Kraft versucht, so etwas wie ein Stück Menschlichkeit zu retten, und deren aufopfernder Widerstand dabei durchweg von den schneidenden wie aufwühlenden Gitarrenmetamorphosen Kai Brückners kommentiert wird. Ein aufrüttelnder Theaterabend – der mit Sicherheit noch lange nachwirkt.

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