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Dießen

27.12.2020

Die Zinngießer in Dießen wollen wieder zusammenrücken

Martin Schweizer (Werkstattleiter beim unteren Schweizer) und Karin Schweizer (oberer Schweizer) wollen das Zinngießerhandwerk in Dießen erhalten.
Bild: Beate Bentele

Plus Heiligabend 1796 gilt als Gründungsdatum der Dießener Zinngießerei Schweizer. Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen zwei Familienzweige getrennte Wege - bis jetzt.

Man schreibt den Heiligen Abend im Jahre 1796. In Dießen legt der 22-jährige Adam Schweizer den Grundstein für ein Unternehmen, das bis heute Waren aus Zinn produziert und weltweit erfolgreich im Geschäft ist. An diesem Tag schloss Schweizer einen Vertrag mit dem Dießener Handelshaus Baab & Schorn, das die Schweizer’schen Zinnwaren (damals vor allem Devotionalien, Rosenkränze und Kreuze) überregional vertrieb. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Firma geteilt - jetzt wollen beide Zinngießereien wieder mehr die Gemeinsamkeiten pflegen.

Die heutigen Zinngießer schauen auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Die Firma überlebte Kriege und Rezessionen und die Besitzer haben ihr Unternehmen im Herzen der Marktgemeinde mehrmals verändert. Der vielleicht bedeutendste Einschnitt war die Aufspaltung in zwei Firmen nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute gibt es die „oberen Schweizers“ und die „unteren Schweizers“. Nach manchen Zwistigkeiten in den vergangenen Jahrzehnten sind jetzt die Jungen und Jüngeren am Ruder – sie streben einen gemeinsamen Kurs an.

"Ein Gegeneinander ist nicht wirtschaftlich"

Wie das familiäre Miteinander auf dem internationalen Vertriebsparkett und in der heimischen handwerklichen Produktion und im Verkauf, in Management und Firmenorganisation tatsächlich ausschauen wird, ist zwar hinter den Kulissen schon durchexerziert worden, aber die Marschrichtung ist noch nicht ganz klar. Aber sicher sind sowohl die „Oberen“ im hellblauen Haus als auch die „Unteren“ im gelben Haus, dass sich schnell etwas ändern solle: „Wir wünschen uns ein Miteinander, ein Gegeneinander ist nicht mehr zeitgemäß und wirtschaftlich“, sind sie sich einig.

Mit dem Firmennamen Babette Schweizer Kleinzinngießerei und Zinn-Café betreibt Karin Schweizer mit wenig Personal den Betrieb in der Herrenstraße 17. In fünf gemütlichen Stuben gehen Verkaufscharakter, „Showrooms“ mit vielen Vitrinen und Kaffeehausatmosphäre eine besondere Verbindung ein. Zinnfigürchen aus uralten Formen und vor allem der historische Christbaumschmuck aus der Zeit des Königreichs verzaubern Kunden, Genießer, Sammler und Besucher aus aller Welt.

Zinnfiguren gießen und Kuchen backen

Karin Schweizer übt viele Berufe in Personalunion aus: Sie gießt Zinnfiguren, organisiert Büro und Verkauf, steht im Laden und letztlich backt sie auch die Kuchen und Torten, die sie im Kaffee auftischt. Sie kümmert sich um Werbung und PR, dekoriert – vor allem zur Weihnachtszeit – glamourös und typisch „Schweizer“ festliche Raumwelten. Karin Schweizer möchte, wie sie lächelnd sagt, noch lange den Betrieb leiten, „trotzdem: 100 möchte ich hier nicht werden“, bezieht sie sich auf Vorfahrinnen wie Anny Schweizer. Nachdem sich ihre drei Kinder für andere Berufe entschieden haben, „habe ich keine familiäre Unterstützung“, sagt sie. Ihr Mann Gunnar Schweizer senior kann krankheitsbedingt schon seit vier Jahren nicht mehr im Geschäft sein.

Sylvia Koller zeigt eine fertig gegossene Rohform einer Zinndarstellung.
Bild: Beate Bentele

Im zu Ende gehenden Jahr sind auch bei der Wilhelm Schweizer Zinnmanufaktur in der Herrenstraße 7 die Karten neu gemischt worden. Dort ist jetzt Martin Schweizer der Werkstattleiter. Er ist ein Enkel von Gunnar Schweizer senior und gehört damit zu den „Oberen“. Er stieg unten ein, nachdem Jordi Arau-Schweizer, der Mann von Gunnar Schweizers Cousine Annemarie, und deren Mutter Ottilie im März beziehungsweise Juli gestorben sind. Jordi Arau-Schweizer hatte in fast 40 Jahren mit Hunderten von neuen Zinnfiguren der ehemaligen Großzinngießerei ein neues Profil verliehen. Martin Schweizer hatte schon als Kind – sein Vater Gunnar Schweizer junior ist ebenfalls Zinngießermeister – im elterlichen Betrieb mit Gießerei in der Lachener Straße vor allem Trachtenknöpfe, Gürtelschnallen und anderes mehr mit hergestellt. „Wir sind auf Märkte gefahren“, erzählt er und berichtet von den Schweizer-Geschäften in München (vor allem auch Christkindlmarkt) und zeitweise auch in Augsburg.

Ein Team aus drei 30-Jährigen bei Wilhelm Schweizer

Der Heizungstechniker wurde von Jordi Arau-Schweizer seit 2019 in den Betrieb integriert und ins Zinngießen, Gravieren und Löten eingelernt. Als Allrounder hat er heute den Überblick. In der Führung des Unternehmens mit 15 Beschäftigten stehen ihm Joan Miquel Schweizer-Arau zur Seite, als Prokurist ist Leon Tropp tätig – ein Team aus drei 30-Jährigen. Eigentümerin ist Annemarie Schweizer.

Die Graveurin und Modellzeichnerin Sofie Wegele bei ihrer Arbeit.
Bild: Beate Bentele

Wie die Zukunft genau ausschaut? Martin und Karin Schweizer sind bestrebt, den Ruf Dießens als Ort der schönen Künste wie schon seit 1796 zu erhalten. Im Gespräch bestätigen sie dem Landsberger Tagblatt gegenüber, dass Unstimmigkeiten Vergangenheit sind. „Wir wollen unsere Ressourcen nutzen und uns gegenseitig unterstützen.“ Jeder Betrieb habe seine Stärken und Besonderheiten, „da knüpfen wir an und stellen die Zukunft neu auf“, sagt Karin Schweizer. „Damit Dießen nach wie vor als Ort der schönen Künste nach wie vor auch die weltweit bekannte Heimat der Zinngießer bleibt.“

So viel ist der Christbaumschmuck aus Zinn wert

Dieser Ruf wurde kurz vor Weihnachten auch in der ZDF-Sendung „Bares für Rares“ weiterverbreitet. Dort wurde ein 75-teiliges Paket von Christbaumschmuck, der in der Firma Schweizer vermutlich in den 1930er- bis 1950er-Jahren hergestellt wurde, versteigert. Hatten die Besitzerinnen aus dem Chiemgau zunächst einen Mindestpreis von 350 Euro aufgerufen, bescheinigte ihnen ein Sachverständiger einen Wert von 750 Euro. Am Ende fanden die zinnernen Christbaumkugeln mit ihren bunten Reflexen dann sogar für 1350 Euro eine neue Besitzerin. (bb)

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