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Landsberg

13.02.2018

Die ewige russische Verzweiflung

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2 Bilder
Ein pas-de-deux.
Bild: Thorsten Jordan

Eine sibirische Tanzcompany zeigt Begegnungen in einer von Enge beherrschten Welt. Eine Art Spinnennetz.

Theater hat die Macht des Beamens. Sie wissen schon, so wie in Raumschiff Enterprise. Es kann einen ganz unvermittelt Tausende Kilometer nach Osten katapultieren, an den Ural, dort wo die Grenze zwischen Europa und Asien verläuft. In eine große Industriestadt, von der man noch nie etwas gehört hat: Chelyabinsk. Auch dort leben jetzt gerade Menschen, begegnen sich, bleiben zusammen, trennen sich und begegnen wieder anderen Menschen.

Leben in Enge und Armut

Das Chelyabinsk Contemporary Dance Theater unter der Leitung von Olga Pona zeigte im Stadttheater mit der Choreografie „Encounters“ (zu Deutsch: Begegnungen) Szenen aus dem Leben der Menschen in der Enge und Armut des russischen Wohn- und Arbeitsalltags, in dem man sich Individualität nicht leisten kann. Ihre Choreografien handeln von der ewigen russischen Verzweiflung und dem Versuch ihrer Überwindung.

14 Tänzerinnen und Tänzer

Die 14 Tänzerinnen und Tänzer beeindruckten zunächst einmal durch unglaubliche Leistungsstärke und hohes Niveau. Alles ist mühelos und läuft geschmeidig ineinander, ob nun eine Tänzerin auf der Bühne agiert oder mehrere, in Paaren oder Gruppen, man kann sich, ja muss sich einen Schauplatz auf der Bühne aussuchen, dem man die Aufmerksamkeit widmet. Man wird, ähnlich wie die Tänzer, hin und her gerissen zwischen den Gruppierungen und ihren Figuren, die teils spektakulär sind und doch so tun, als sei alles ganz leicht. Olga Pona hat dazu Geräusche und Musik elektronisch verarbeitet und verfremdet, man hört Kieselknirschen, Wasserrauschen, aber auch Klavier- und Geigenmusik, immer elektronisch leicht gebrochen. Einzeln und in Gruppen zeigen die Tänzer den Kampf des Lebens, der Beziehungen, der Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft und der Verstrickungen darin.

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Vier Frauen verknoten sich elegant

Beeindruckende Einzelperformances wechseln mit Pas-de-deux, dann zerren drei Männer an einer scheinbar schwerelosen Frau, die sie herumwirbeln. Vier Frauen verknoten sich elegant, bis man sie nicht mehr unterscheiden kann. All das ist zauberhaft und magisch, strahlt eine verzweifelte Dramatik aus, aber auch eine Leichtigkeit, in der alles möglich scheint.

Ein Knalleffekt ist zur Halbzeit die pinkfarben leuchtende Wand, vor der ein Klettergerüst erscheint. Das Raster kann für vieles stehen: Anonyme und beengte Wohnungen wie Waben in Plattenbauten - das starre Raster der Außenwelt mit Normen und Regeln - eine Art Spinnennetz, in dem sich die Tänzer verfangen und hängen bleiben. Das hat einen besonderen Reiz, weil es eine weitere Dimension in den Tanz bringt, die Figuren sich hier mühelos wie Insekten auf und ab bewegen können.

Wie Fliegen in einem Spinnennetz

Dann sind wieder alle Tänzer auf der Bühne, bewegen sich synchron, man denkt an die monotone Arbeit in einer Fabrik.

Da schälen sich Einzelne heraus, setzen ihre Individualität durch, und alles löst sich in Chaos auf, Paare bilden sich, irren herum, bis sie wieder wie Fliegen im Spinnennetz hängen.

Die Truppe von Olga Pona aus Chelyabinsk überrascht mit ihrem dynamischen Stil ein Publikum, das aus Russland sonst nur das Bolschoj und das Marijnskij-Theater mit ihrer klassischen Ästhetik aus Zarenzeiten kennt.

Umso ergreifender ist die Präsentation der heutigen Realität, wie sie uns die Tänzer aus Sibirien mit ihrer eigenen Ästhetik vermitteln. Applaus und Jubel hielten ungewöhnlich lange an.

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