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St. Ottilien

29.05.2018

Die jüdische Geschichte des Klosters

Das Kloster St.Ottilien diente nach dem Zweiten Weltkrieg als Hospital für jüdische Überlebende.
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Das Kloster St.Ottilien diente nach dem Zweiten Weltkrieg als Hospital für jüdische Überlebende.
Bild: Thorsten Jordan

St. Ottilien war vor 70 Jahren ein Krankenhaus für ehemalige KZ-Häftlinge. Bei einem Symposium wird die jüdische Vergangenheit beleuchtet.

Das Benediktinerkloster St. Ottilien und seine jüdische Geschichte. So lautet der Titel des ersten internationalen Symposiums, das sich vom Sonntag, 10. Juni, bis Dienstag, 12. Juni, mit knapp vier Jahren Klostergeschichte beschäftigt, die bisher nahezu unerforscht geblieben sind: Von 1945 bis 1948 diente St. Ottilien als Krankenhaus für ehemalige jüdische KZ-Häftlinge. Rund 5000 jüdische Überlebende aus dem gesamten europäischen Raum wurden dort medizinisch versorgt und auf ihr weiteres Leben, meist in Israel oder sonst wo auf der Welt, vorbereitet.

Der Blick in das Büro von Projektleiter Pater Cyrill Schäfer bleibt an mehreren Kisten hängen, in denen sich eingeschweißte Nahrungsmittel wie Kekse und viele andere Dinge befinden. „Alles koscheres Essen“, erklärt Pater Cyrill. Denn ein Großteil der 90 Teilnehmer des internationalen Symposiums wird aus Israel, aber auch aus den USA oder Großbritannien kommen, ein Teilnehmer ist in Schweden beheimatet.

Mehr als 100 Pflegekräfte arbeiteten im Kloster

Der Benediktinermönch, der selbst seit über zwei Jahrzehnten im Kloster St. Ottilien lebt, ist gespannt auf die Begegnungen der Menschen, von denen viele mit dieser Zwischenphase der Ottilianer Geschichte direkt und persönlich zu tun haben. So sind unter ihnen zwölf, die in der Kinderstation des DP-Hospital geboren wurden. Pater Cyrill: „Sie wollen unbedingt das Erlebte von damals vermitteln.“ Das sei wichtig für sie, die sie oft die Traumata ihrer Eltern weiter leben und miterleben mussten.

Da gibt es zudem die direkten Nachkommen der damaligen Ärzte, auch zwei Nicht-Juden, denn die damalige Ärzteschaft des jüdischen Krankenhauses bestand auch aus deutschen Medizinern. Insgesamt gab es zudem 120 Krankenschwestern und Pflegekräfte, die oft ihre Berufsausbildung und auch Sprachkurse in Hebräisch direkt in Landsberg erhielten.

Aus dem Lazarett wurde ein Hospital

Weshalb die Zeit zwischen 1945 und 1948, als das Kloster – es handelte sich um das zentrale Klostergebäude, die Schule und das Exerzitienhaus – von einem Wehrmachtslazarett in ein jüdisches Hospital für KZ-Überlebende umgewandelt wurde, nicht besser erforscht war, wundert auch den Pater: „Diese Phase ist unglaublich schlecht dokumentiert.“

Unter anderem deshalb entschloss man sich in St. Ottilien zum Symposium. Als Partner wurde die Ludwig-Maximilians-Universität und dort im Speziellen die Abteilung für jüdische Geschichte und Kultur am Historischen Seminar und auch das Jüdische Museum gewonnen. „Damit hatten wir die Professionalität wissenschaftlichen Arbeitens bei uns“, erklärt Cyrill Schäfer. So wird etwa Professor Dr. Michael Brenner am Eröffnungssonntag ein Gespräch zum Thema „Jüdisches Leben im Bayern der Nachkriegszeit“ führen. Evita Wiecki, Lektorin für Jiddisch an der LMU, wird um 18 Uhr zusammen mit Pater Cyrill das Symposium einleiten.

Welche Rolle spielte das Kloster in Familiengeschichten?

In Vorträgen und Gesprächen, auch mit Zeitzeugen, geht es dann drei Tage lang etwa um die Rolle, die St. Ottilien in den Familiengeschichten der Nachkommen gespielt hat, um die DP-Kinder in der Wahrnehmung internationaler Organisationen, aber auch um deutsch-jüdische Begegnungen im DP-Hospital St. Ottilien.

Was soll bleiben aus den Themenfeldern Kultur (DP-Orchester, Schule, ...) , Kinder (etwa die Situation gestrandeter Kinder oder die Kinder-Kibbuzim), Politik (Besuch Ben Gurion, Zionismus, ...), die Medizin oder die allgemeine Situation im Bayern der Nachkriegszeit? „Wir wollen die Erinnerung zurückholen und dann den Maßstab erhöhen“, gibt sich Pater Cyrill in den Erwartungen relativ bescheiden.

Die Krankenakten werden in eine Datenbank eingepflegt

Dabei ist er schon viele Schritte gegangen. So hat er die Krankenakten der rund 5000 jüdischen Patienten im Archiv des ITS (International Tracing Service) in Bad Arolsen entdeckt, die er momentan in eine noch im Entstehen begriffene Datenbank einpflegt. Die Vorträge des Symposiums, das in Deutsch und in Englisch abgehalten wird, werden in einer Dokumentation zusammengefasst und anschließend publiziert.

Es beginnt eine Ausstellung zum Thema und auf dem Klostergelände werden dauerhaft elf Text-Bild-Tafel aufgestellt, die jene damaligen Orte wie etwa das Verwaltungsgebäude, das Geburtshaus, die ehemaligen Ärztevillen, die Talmudschule oder auch den jüdischen Friedhof markieren. Die zwölfte Tafel befindet sich in Schwabhausen an der Bahnlinie, wo viele KZ-Häftlinge bei einem Fliegerangriff ums Leben kamen. Verletzte und Überlebende waren die ersten Patienten des DP-Hospitals St. Ottilien.

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