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Landsberg

02.06.2017

Die karierte Effi in Landsberg

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Das Bühnenbild bei der Inszenierung von Effi Briest war ein irritierendes, perspektivisches Spiel aus schräg angeordneten grauen Rauten.
Bild: Julian Leitenstorfer

Pia Richters ungewöhnliche Effi Briest Inszenierung ist ganz und gar nicht gefällig, dafür symbolträchtig und verstörend schräg.

„Verstörend“ war das Wort, das im Publikum nach der Aufführung von Effi Briest am häufigsten zu hören war. Ratlosigkeit stand ebenfalls in vielen Gesichtern. Der Applaus am Schluss war verhalten, einige wenige hatten den Saal schon zuvor verlassen. Effi Briest, der seinerzeitige Höhepunkt des poetischen Realismus, dieses traurig-romantische Gesellschaftsdrama von Theodor Fontane wurde vom Landestheater Schwaben modern, kühl, nahezu depressiv und eben verstörend inszeniert, unter der Leitung von Pia Richter, einer jungen Absolventin der Otto-Falckenberg-Schule München. Kein gefälliges Stück, aber eine Inszenierung, die zum Nachdenken anregt.

Der Rolle der Frau in der Gesellschaft, im Alltag, in der Ehe waren Ende des 19. Jahrhunderts enge Grenzen gesetzt. Fontane zeigte diese Grenzen auf, ließ seine Effi mit viel jugendlichem Enthusiasmus aber ohne inneres Standing dagegen anrennen, um sie dann doch scheitern und zerbrechen zu lassen. „Ein zu weites Feld, ein zu weites Feld“, seufzt Effis Vater (und damit Fontane) immer wieder. Thema ist bekannt: Junges Mädchen muss sich den gesellschaftlichen Zwängen beugen und einen viel älteren Mann (die Jugendliebe der Mutter) heiraten. Mann macht Karriere, vernachlässigt seine Frau, die sich auf dem Land unsäglich langweilt und eine Affäre beginnt und wieder abbricht. Mann erfährt davon, tötet Liebhaber und verstößt die Frau, die fortan, gesellschaftlich geächtet, zugrunde geht und stirbt.

Ist dieser Konflikt, dieses menschliche Drama noch relevant in der heutigen Zeit? Hat sich die Rolle der Frau durch die Errungenschaften der Emanzipation und der modernen, partizipativen Gesellschaft im 21. Jahrhundert nicht komplett gewandelt? Ja und nein ist die Antwort. Natürlich wählen wir unsere Partner frei und bestimmen weitgehend über unseren beruflichen Werdegang. Doch noch immer beschreitet meistens der Mann den Karriereweg, während die Frau mit Kind maximal in Teilzeit arbeitet und falls sie auf dem Land lebt, auch dazu noch wenig Möglichkeiten hat. Eine klassische Inszenierung von Effi Briest wäre also höchstwahrscheinlich recht langweilig geworden.

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Pia Richter hat das Stück nun aufs Wesentliche reduziert.

 Eine knappe Stunde nur, gefüllt mit viel Sprachlosigkeit, die gerade dadurch die unterdrückten Sehnsüchte, das gesellschaftliche Gefängnis und die verbitterte Hilflosigkeit der Akteure nur zu deutlich macht. Die Schauspieler agieren wie ferngesteuerte Marionetten, merkwürdig verzerrt in ihren Bewegungen, die nicht ihre zu sein scheinen. Nie schimmert etwas Wahres oder Lebendiges unter den wie festgefroren und maskenhaft verzerrten Gesichtern hindurch. Die begleitende, die einzelnen Szenen unterbrechende Musik untermalt in ihrer Atonalität die bedrohliche, man könnte fast sagen lebensbedrohliche, Atmosphäre.

Ja, wir sind emanzipiert, natürlich, keine Frage. Jede Frau bestätigt das heute. Effi Briest, achwas, nicht unser Problem. Und doch, werden viele aus eigener Erfahrung seufzen, diese gläserne Decke, diese Muster, immer wieder das gleiche Muster nur in anderer Variation, in modernem Gewand.

An dieser Stelle kommt nun das Bühnenbild ins Spiel. Ein irritierendes, perspektivisches Spiel aus schräg angeordneten grauen Rauten. An den Stellen, an denen die Tapete ein wenig eingerissen ist, offenbart sich dahinter dasselbe Muster, nur etwas größer. Die Treppen und Türen verschwinden in der Perspektive, nichts scheint zu passen und ist dennoch perfekt. Das klassisch karierte Kostüm der Mutter, das später zu Effis wird, ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch, der dem Auge wehtut. Man könnte es zwar als Versuch werten, dem umgebenden (also gesellschaftlichen) Muster etwas entgegen zusetzen, doch letztendlich bleibt es ähnlich starr.

Schlaglichtartig blitzt zwischen den einzelnen Szenen helles Licht auf, um dann die Bühne kurz in vollkommene Dunkelheit zu tauchen, nur erfüllt von den dramatisch-bedrohlichen Klängen des Lautsprechers. Ein wirkungsvolles Stilmittel, das den Zuschauer immer wieder hinaus katapultiert und das Geschehen auf der Bühne nie rund werden lässt. Immer wieder zwingt Richter die Zuschauer damit, sich zu distanzieren, um sich wieder neu einzulassen. Anstrengend, aber intensiv. Eine interessante Inszenierung die Pia Richter da hingelegt hat. Ganz und gar nicht gefällig, dafür symbolträchtig und verstörend schräg. In dieser ganzen dargestellten existentiellen Entfremdung, in dieser dauerhaften Imitation eines Lebens, bleibt für Effi und auch für uns heute, die alles entscheidende Frage: Wie wollen wir  leben?

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