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Fuchstal

01.05.2019

Diese Flüchtlinge helfen Menschen mit Trauma

Das Foto zeigt Dr. Ulrike Wichtmann (Vierte von links) und Projektleiterin Christiane Hampel (Zweite von rechts) mit einigen Absolventen und Sabine Rid vom Roten Kreuz Landsberg (links).
Bild: Valentine Auer

Die Ärztin Ulrike Wichtmann aus Lechmühlen und die Lehrerin Christiane Hampel aus Landsberg engagieren sich in der Traumatherapie für Geflüchtete. Wie sie Betroffenen im Landkreis helfen.

Menschen, die nie Fürchterliches oder Lebensbedrohendes erlebt haben, können sich oft nicht vorstellen, was das mit der Psyche aber auch mit dem Körper eines Einzelnen macht. Folter, Krieg, Vergewaltigung, ein schwerer Unfall, der Verlust der Heimat oder eines Kindes. Manchmal sind es auch - objektiv gesehen - kleinere Ereignisse, die zu einem Trauma und in der Folge zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen können. Aus der Erfahrung von Dr. Ulrike Wichtmann ist der Großteil der geflüchteten Menschen traumatisiert.

Die 66-Jährige ist Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin sowie Fachärztin für psychosomatische Medizin und Psychoanalyse in Lechmühlen in Fuchstal. Seit einigen Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich gemeinsam mit einem Team aus Traumafachberaterinnen in Verbindung mit dem Roten Kreuz Landsberg in der „ersten Hilfe für traumatisierte Menschen“. So lautet ein Kurs, den das Team anbietet. Ziel ist es, muttersprachliche Ersthelfer auszubilden. In jeder Flüchtlingsunterkunft gebe es, sagt Ulrike Wichtmann, Menschen, die sich ein wenig mehr als die anderen für die Gemeinschaft engagieren oder Aufgaben übernehmen. Diese gelte es herauszupicken, als Traumahelfer weiterzubilden und so zu befähigen, ihre Landsleute zu unterstützen.

Traumen können sich vielfältig auswirken

Die Folgen eines Traumas sind laut Wichtmann vielfältig. Manche ziehen sich, möglicherweise mit Suizidgedanken, in sich zurück. Andere reagieren aggressiv oder unternehmen extreme Aktionen, damit sie sich und ihren Körper überhaupt noch spüren können. Ohne Hilfe kommen die meisten Menschen aus dieser Situation nicht heraus. Für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft kann das schwerwiegende Folgen haben. „Ein schweres Trauma verwirrt das gesamte System der Wahrnehmung und Selbstregulierung, bis in die psychosomatischen Funktionen wie Schlaf-Wach-Rhythmus, Appetit, Körpertemperatur und den gesamten Stoffwechsel“, sagt die 66-jährige Ärztin.

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Für das Projekt gab es 2018 auch den bayerischen Integrationspreis. Lesen Sie dazu auch: Minister Herrmann kommt zu den Traumahelfern nach Landsberg

Ulrike Wichtmann zur Seite steht die Berufsschullehrerin und zertifizierte Traumafachberaterin Christiane Hampel aus Landsberg. In ihren Schulklassen saßen immer wieder auch traumatisierte Jugendliche, die nach ihrer Ankunft in Landsberg keinerlei therapeutische Hilfe erhalten hatten. Hampel, 53, entschied sich, die Ausbildung beim TIS, Trauma Institut Süddeutschland, in München zu absolvieren. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über körperorientierte Traumaarbeit. Am TIS lernte sie auch Dr. Ulrike Wichtmann kennen.

So sieht die Arbeit in der Praxis aus

Die beiden Frauen bauten fortan die Initiative Faith auf. Faith, das steht für First Aid International Trauma Helpers. Ihr Ansatz basiere auf Information in Verbindung mit einfachsten körperlichen Übungen, wie etwa Schütteln, Prusten oder Gähnen. „Einfache neurophysiologisch wirksame Übungen, die die Wahrnehmung und Selbstregulierung des Organismus unterstützen helfen“, sagt Ulrike Wichtmann. Sie hält den in Deutschland üblichen kognitiven oder gesprächsbasierten Ansatz, gerne auch in Verbindung mit Imaginationsübungen, für nicht sinnvoll, gar für gefährlich, wenn es um traumatisierte Menschen geht.

„Unser Ansatz ist niederschwellig, unsere Übungen kann man überall zwischendurch schnell ausführen, auf der Straße, im Flüchtlingslager, in Ankerzentren - wo auch immer. Es ist wie eine Art Selbsthilfemodul für Betroffene.“ Es sei also kein psychotherapeutischer Ansatz, sondern „eine psychosomatische Herangehensweise mithilfe von leichten körperlichen Interventionen“, erläutert Wichtmann. Auch Psychoedukation, also die Aufklärung über das Thema Trauma mit seinen vielfältigen Symptomen helfe vielen Betroffenen, die oft selbst nicht verstehen, was mit ihnen los ist, warum sie plötzlich so aggressiv reagieren würden beispielsweise.

Im Landkreis haben 30 Flüchtlinge das Zertifikat

Bereits 30 Geflüchtete sind laut Wichtmann im Landkreis mit Zertifikat ausgebildet worden. Begleitend zur Ausbildung hat Faith eine kleine Selbsthilfebroschüre erstellt und in bereits 16 Sprachen übersetzen lassen. Im Landkreis arbeitet Faith eng mit dem Roten Kreuz Landsberg zusammen, ihre Vision geht allerdings weiter: Gerne würden sie ihren Ansatz international verbreiten und in allen betroffenen Regionen und mit den relevanten Organisationen kooperieren, denn ihre Methode ist „so einfach wie niederschwellig, dazu kostengünstig und extrem effektiv.“

Auch Mitarbeiter psychiatrischer Kliniken, der Polizei, in Schulen, im Arbeitsamt würden von den viertägigen Schulungen beziehungsweise den eintägigen Briefings profitieren, sagt Christiane Hampel, „man lernt Berührungsängste mit Traumatisierten zu überwinden und hilft ihnen ihre verwirrende Symptomatik zu verstehen.“ Geflüchtete als Multiplikatoren auszubilden sei sehr einfach, die meisten sind sehr interessiert und wollen helfen. Schwieriger ist es dagegen, in die großen Organisationen hereinzukommen.

Ein erster Schritt hin zu größerer Bekanntheit ist die Verleihung des bayerischen Integrationspreises. Im Mai vergangenen Jahres wurde Faith beziehungsweise das Rote Kreuz Landsberg als Träger mit dem ersten Preis durch Innen- und Integrationsminister Joachim Herrmann ausgezeichnet (LT berichtete).

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