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23.11.2018

Diese Stadtbiene ist die letzte im Jahr

Ein Weibchen der Efeu-Seidenbiene sammelt Pollen und Nektar auf Efeublüten beim Mutterturm in Landsberg. Dort wurde im September das erste Exemplar im Landkreis entdeckt.
Bild: Andreas Fleischmann

Die Efeu-Seidenbiene ist im Landkreis eine Neubürgerin. Entdeckt wurde sie erst vor Kurzem an einem Steilhang beim Mutterturm in Landsberg. Warum sie Sandkästen so gern hat

Im vergangenen Jahr um diese Jahreszeit wurde in der Botanik-Serie im LT der Efeu vorgestellt, der als eine der letzten heimischen Pflanzen im Jahr blüht, und damit für viele Insekten eine letzte wichtige „Futtertankstelle“ vor dem Winter darstellt. In diesem Artikel war auch erwähnt, dass es eine Wildbiene gibt, die ihren Pollen und Nektar ausschließlich am Efeu sammelt: Die Efeu-Seidenbiene (wissenschaftlich Colletes hederae), die jedoch nicht im Landkreis vorkommt. Das war 2017 auch noch richtig, aber seit dem Herbst 2018 ist auch diese wärmeliebende Biene Neubürger im Landkreis.

Die Efeu-Seidenbiene ist eine echte Ausnahmeerscheinung unter den Wildbienen: Es ist die allerletzte Wildbiene im Jahr (nur Honigbienen-Arbeiterinnen und einige Hummelköniginnen fliegen noch etwas länger), eine echte Herbstbiene, denn sie erscheint erst etwa Anfang September, wenn die ersten Efeu-Blüten sich öffnen, und fliegt dann bis zu den ersten Frostnächten, manchmal (in warmen, sonnigen Herbstjahren wie diesem) bis Anfang November. Außerdem ist die Efeu-Seidenbiene eines der wenigen Insekten, das nicht vom drastischen Insektensterben betroffen ist.

Das hat drei Gründe: Erstens fliegt sie so spät im Jahr, zu einer Zeit, wo auf den Feldern und in den Gärten schon längst keine Insektenspritzmittel mehr ausgebracht werden. Zweitens ist sie nicht auf die in unserer Landschaft immer weniger werdenden Blumenwiesen und Hecken angewiesen, die ihren Artgenossen im Sommer mehr und mehr fehlen. Sie braucht zum Überleben nur den Efeu – allerdings ist sie auch nur Bestäuber für den Efeu, sprich, sie kann nicht als Ersatz für die immer weniger werdenden anderen Bienen und Insekten dienen.

Der Efeu wiederum ist in Städten sehr häufig, sowohl natürlich als auch gepflanzt, und die Efeu-Seidenbiene kommt auch in Städten bestens zurecht, denn sie ist nicht sehr anspruchsvoll darin, wo sie ihr Nest baut. Im Gegenteil, sie scheint eine richtige Stadtbiene zu sein, sie profitiert vom wärmeren Klima in den Städten, wo sie ihre Nester an allen möglichen offenen, sonnigen Bodenstellen baut.

Sehr beliebt sind bei ihr Sandböden, und so ist die Efeu-Seidenbiene in den letzten Jahren zu einer regelrechten „Sandkasten-Biene“ geworden, die ihre Nester gerne in den Sandkästen von Spielplätzen und Kindergärten anlegt. Dort können mitunter große Nest-Ansammlungen entstehen, mit mehreren hundert Bienen.

Das mag vielleicht für Kindergärtnerinnen und Eltern zunächst bedrohlich wirken, jedoch ist die Efeu-Seidenbiene (sie ist etwa so groß wie eine Honigbiene) völlig harmlos: Ihr Stachel geht nicht durch die menschliche Haut, es haben also selbst Insektengift-Allergiker von dieser Biene nichts zu befürchten. Und sie ist auch nicht aggressiv, es gibt in Baden-Württemberg Spielplätze, auf denen hunderte von Seidenbienen im Herbst zwischen den im Sand spielenden Kindern umherfliegen – meist interessieren sich die größeren und kleinen „Sandkastennutzer“ gar nicht füreinander.

Sollten die Bienen im Sandkasten wirklich nicht erwünscht sein, so ist übrigens weder ein Austauschen des Sandes noch Gift oder Bekämpfung nötig: Es reicht, im Sommer zur Urlaubszeit den Sandkasten mit einer dunklen Plane oder Decke abzudecken und nur eine kleine Ecke von wenigen Zentimetern frei zu lassen. Die Ende August neu aus dem Sand schlüpfenden Bienen fliegen automatisch zum Licht und finden so unter der Plane heraus. Zurück finden sie nicht, denn sie suchen für ihre neuen Nistplätze nach hellen Sandflächen oder Bodenstellen, eine dunkle Fläche interessiert sie nicht, selbst wenn darunter der schönste Sand verborgen sein sollte.

Im Landkreis wurde die Efeu-Seidenbiene im September zum ersten Mal in der Von-Kühlmann-Straße am Mutterturm festgestellt. Sie nistet dort in einem kleinen Steilhang am Lech. Auch in Schondorf wurde sie an einer blühenden Efeuhecke beim Pollensammeln beobachtet. Am Ammersee selbst ist diese Biene aber schon mindestens seit vergangenem Jahr heimisch, da schon größere Nest-Ansammlungen dieser Biene in Herrsching in einem Kindergarten vorhanden sind.

Die Efeu-Seidenbiene war bis zum Jahr 2000 übrigens nur von den Wärmeinseln in Deutschland bekannt, man fand sie nur am Kaiserstuhl und im Oberrheingraben. Seit einigen Jahren, wohl gefördert von der Klimaerwärmung, die für lange, warme Herbstmonate sorgt, breitet sich diese Bienenart von Westen kommend aus, 2014 war sie schon aus Lindau bekannt, nun hat sie 2018 den Landkreis Landsberg erreicht.

Die Efeu-Seidenbiene wird in den nächsten Jahren sicher eine der häufigsten Wildbienen Deutschlands sein, denn als Überlebenskünstlerin in unseren Städten teilt sie nicht das traurige Schicksal ihrer Artgenossen, die auf dem freien Land durch Lebensraumverlust, fehlende Blüten und Gifte leider immer weniger werden.

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