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12.03.2008

Dießener Straßenname erinnert an NS-Funktionär

Der vor 15 Jahren einstimmig vom Dießener Gemeinderat vergebene Straßenname "Metznerwiese" in einem Baugebiet in St. Georgen sorgt derzeit für hektische Aktivitäten im Rathaus: Der Namensgeber der Metznerwiese, Erwin Metzner (1890-1969), war bereits in den 1920er Jahren Mitglied der NSDAP und machte ab 1933 in Berlin Karriere.

Von Gerald Modlinger

Dießen. Der vor 15 Jahren einstimmig vom Dießener Gemeinderat vergebene Straßenname "Metznerwiese" in einem Einheimischenbaugebiet in St. Georgen sorgt derzeit für hektische Aktivitäten im Rathaus: Was manche in Dießen durchaus (noch) wussten, haben jetzt auch Nachforschungen des Gemeindearchivs bestätigt. Der Namensgeber der Metznerwiese, Erwin Metzner (1890-1969), war bereits in den 1920er Jahren Mitglied der NSDAP und machte ab 1933 in Berlin Karriere.

Ins Rollen hatte die Angelegenheit Gunnar Schweizer senior gebracht - und zwar mit einem Nachsatz in einem Antrag an den Gemeinderat. Ziel dieses Vorstoßes war eigentlich die Errichtung einer Gedenkstätte für verdiente Dießener. Das Gedächtnis an frühere wichtige Persönlichkeiten im Ort sah Schweizer nämlich nicht immer angemessen gepflegt. Andererseits sei der Straßenname "Metznerwiese" einem "SS-Schergen" gewidmet, kritisierte Schweizer.

Die Idee einer wie auch immer gearteten Gedenkstätte verwarf der Gemeinderat zwar. Dem zweiten Punkt Schweizers mit der Metznerwiese sollte jedoch nachgegangen werden: Gemeindearchivarin Elke Ahrens-Ratz wurde beauftragt, Nachforschungen über den nationalsozialistischen Parteigänger aus St. Georgen anzustellen. Sie wertete dazu die Spruchkammerakten aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aus. Auf Archivalien aus dem Bundesarchiv wartet sie noch.

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In nichtöffentlicher Sitzung legte sie am 18. Februar einen Zwischenbericht vor. Einen weitergehenden Bericht wird die Historikerin in der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses am Montag erstatten. Dabei soll auch über das weitere Vorgehen beraten werden.

Metzner, ein gebürtiger Leipziger, kam dem Bericht zufolge 1922 nach Dießen. Kurz nachdem er sich in St. Georgen niedergelassen hatte, zählte er zu den Mitbegründern der NSDAP-Ortsgruppe Dießen. Unterbrochen wurde Metzners Parteitätigkeit durch das NSDAP-Verbot als Folge des Hitler-Putsches vom November 1923.

In den 1920er Jahren arbeitete er als Landwirt, daneben als Journalist und Schriftsteller. 1929 trat Metzner in die wiederbegründete Partei ein. Ein knappes Jahr führte Metzner auch die NSDAP-Ortsgruppe in Dießen. Seit 1933 gehörte er der allgemeinen SS an, wo er es bis zum Oberführer brachte.

Im "Amt für Agrarpolitik bei der Reichsleitung der NSDAP" beschäftigte sich Metzner ab Dezember 1932 mit den geschichtlichen und kulturellen Wurzeln des deutschen Bauerntums. Ab Ende 1933 setzte er diese Tätigkeit im neu geschaffenen Reichsnährstand fort. Über diese Organisation gehörte Metzner 1935 mit Reichsbauernführer Richard Walther Darré, dem niederländischen Privatgelehrten Hermann Wirth und dem Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, zu den Gründern der "Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe".

Von 1933 bis 1939 lebte Metzner in Berlin. Ab 1940, nachdem er zum Bayerischen Raiffeisenverband gewechselt war, war er wieder in Dießen wohnhaft. Zwischen 1945 und 1948 war Metzner im Internierungslager Dachau inhaftiert. Im Spruchkammerverfahren wurde er zunächst als "Belasteter" eingestuft, 1949 nur noch als "Mitläufer".

Danach lebte Metzner mit seiner Ehefrau Margarethe offenbar ziemlich unauffällig in einfachen Verhältnissen in St. Georgen. 1961 überließ das kinderlose Ehepaar sein Anwesen und die dazugehörigen landwirtschaftlichen Flächen der Marktgemeinde Dießen. Dies erfolgte gegen die Zahlung von 20 000 Mark und einer unentgeltlichen lebenslangen Versorgung inklusive Taschengeld. Die letzten Lebensjahre verbrachten die Metzners im ehemaligen Dießener Krankenhaus.

Anfang der 1990er Jahre entwickelte der Markt Dießen aus dem ehemaligen Metzner-Besitz ein Einheimischenbaugebiet. Eine der beiden Straßen wurde am 15. Februar 1993 durch einstimmigen Gemeinderatsbeschluss "Metznerwiese" genannt. "Der Name sollte an den Stifter des Grundstücks erinnern", heißt es dazu im Gemeinderatsprotokoll vom 21. Januar 2008.

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