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Landsberg

20.11.2019

Egon Stöckle: Der Bildhauer, der Pfarrer werden wollte

Der Bildhauer Egon Stöckle erhält am Freitag den Hubert-Herkomer-Preis der Stadt Landsberg.
Bild: Julian Leitenstorfer

Plus Egon Stöckle erhält am Freitagabend den Herkomer-Preis. In Landsberg sind seine Arbeiten an vielen Stellen zu sehen. Das LT hat ihn in seinem Atelier in Hohenfurch besucht.

Viele Skulpturen des Bildhauers Egon Stöckle können im öffentlichen Raum bewundert werden, andere Arbeiten finden sich zurzeit in der vom Galerieverein organisierten Ausstellung in der Zedernpassage. Wer ist nun dieser Mann, dem am Freitagabend im Rathaussaal der nur alle paar Jahre vergebene und mit 7000 Euro dotierte Herkomerpreis übergeben wird?

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Viele sind einem Egon Stöckle in Landsberg schon unbewusst begegnet. Vielleicht der Herkomer-Doppelbüste im Herkomer Park oder dem Tabernakel in der Heilig-Engel-Kirche am Hindenburgring. Den Schattentieren in der Platanengrundschule, dem Brunnen zu Ehren des von den Nationalsozialisten verfolgten Jesuitenpaters Rupert Mayer oder dem ungewöhnlichen Kreuz im Sitzungssaal des Landsberger Rathauses.

Eine Annäherung an diesen außergewöhnlichen Künstler soll – neben seinem Werk und seiner Lebensgeschichte – auch über den Ort seines Schaffens erfolgen. Über sein Atelier und sein Wohnhaus, die fernab dörflicher Strukturen, nämlich zwei Kilometer außerhalb von Hohenfurch, direkt am Lech liegen. Weitläufige Wiesen auf denen Stöckles Schafe grasen, ein verwitterter Pfauenkäfig, ein Bauwagen, eine überdimensionale Gesichtsskulptur am Waldrand sowie weitere Hinweise auf bildhauerisches Schaffen überall rund um das ehemalige Bauernhaus. Ansonsten Stille. Stille und Natur. Einige Schwäne auf dem gestauten Lech. Sonst keinerlei Ablenkung. Ob daher die ruhige, kraftvolle, fast archaische Ausstrahlung seiner Werke kommt?

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Mit Meißel und Schleifpapier wird nachbearbeitet

In der Scheune ist das Atelier untergebracht: eine Krankonstruktion an der Decke, unter den Bodendielen versteckt der Ofen. Stöckles bevorzugtes Material ist Bronze. Gelegentlich Holz, Marmor, Stein oder auch mal eine Mischung der Materialien. Doch hauptsächlich arbeitet der Künstler, in dem er flüssige Bronze in eine Gips/Schamottform gießt, die er zuvor mithilfe von Wachsmodellen gefertigt hat. Nachbearbeitet wird mit Meißel und Schleifpapieren. Ein Bronzebildhauer ist immer auch ein hervorragender Handwerker.

Die Mutter starb bei der Geburt

Der Hausherr bittet in die gute Stube, ein Ofen wärmt den Besucher, auf dem Boden eine Katze aus Bronze, auf den Fensterbrettern wild durcheinander kleine Kunstwerke und Kram. Durch den angebauten Wintergarten kann man die Schafe draußen grasen sehen. Zeit für die Lebensgeschichte des 83-Jährigen. Er komme aus Kaufbeuren, aus einer sehr friedlichen Familie, ein Einzelkind. Der Vater, ein Bankangestellter, war schon zwölf Jahre verheiratet, als sich endlich der Sohn ankündigte. Bei der Geburt stirbt die Mutter. Kurz darauf heiratet der Vater erneut. „Man war halt katholisch bei uns“, betont Stöckle mehrmals während des Gesprächs. Nach dem Abitur „wollt ich Pfarrer werden“, der Traum der Eltern. Er studiert Theologie in München, wohnte zeitweise im Priesterseminar. In den dortigen Gängen veranstaltete die benachbarte Kunstakademie des Öfteren Kunstausstellungen, die den jungen Mann mehr und mehr faszinierten.

Der junge Familienvater übernimmt Auftragsarbeiten

Während des Abschlussjahrs Theologie besuchte er bereits die Kunstakademie, wechselte in die Bildhauerklasse von Professor Heinrich Kirchner, schloss ebenfalls mit Diplom ab und ging darauf mit einem Stipendium und seiner ersten Frau nach Irland. 1964 wurde dort die erste Tochter geboren. Zurück in Deutschland kaufte er (nach einem Jahr in Ascholding) ein Haus in Oberfinning und versuchte mit Auftragsarbeiten die junge Familie (zwei weitere Kinder waren dazu gekommen) durchzubringen, Bronzetafeln an Brücken, in Kirchen, so was. Dann kam die Trennung, er lebte streckenweise mit den Kindern alleine, bis er seine zweite Frau kennenlernte.

In Oberfinning las er eines Tages in der Zeitung eine Immobilien-Anzeige: „Wer sucht die absolute Ruhe?“ Gemeint waren das Haus und die Ländereien in Hohenfurch. 1979 zog die Familie um, zwei weitere Kinder folgten. Viele Akademieabgänger hätten damals Bauernhäuser gekauft, hätten es dann aber nicht lange in der Einsamkeit ausgehalten, erzählt Stöckle, auch seine zweite Frau nicht, die bald wieder auszog. Erst mit 60 Jahren hat er dann seine heutige Frau, die Keramikerin Franziska Zimmermann, kennengelernt, ihr Atelier ist in der ausgebauten Nachbarscheune untergebracht.

Schroffe Männer und weiche Frauen

Egon Stöckles Werke zeigen häufig Abstraktionen von Menschen. Eindringliche, eigenwillige und reduzierte Interpretationen, die auf eine intensive Auseinandersetzung mit dem Menschsein sowie mit dem Material und der Form schließen lassen. Raue, schroffe Männer, denen der Mittelteil fehlt, weiche, rundere Frauen, die nur aus Körper bestehen. Immer ist es ein ästhetisches Spiel mit geometrischen Formen, mal dynamisch, mal in sich ruhend. In der Zedernpassage in Landsberg sind derzeit einige unverkäufliche Werke zu sehen.

Werke, die normalerweise in Stöckles Wohnzimmer stehen. Wenn er dort auf dem Sofa vor dem alten Röhrenfernseher sitzt, schweife sein Blick oft über seine Figuren, „dann weiß ich, wer ich bin“, sagt der Künstler und fügt hinzu: „So ein komischer Typ bin ich.“

Mehr über die Ausstellung des Galerievereins: Kunst, die Landsberg prägt

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