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Pestenacker

20.01.2021

Ein Duo erforscht die Geschichte Pestenackers

Martin Heller (links) hofft, dass die Lourdeskapelle in Pestenacker erhalten bleibt. Er forscht gemeinsam mit Jörn Fahrbach (rechts) zur Geschichte des Weiler Ortsteils.
Bild: Thorsten Jordan

Plus Die Ortschronisten Martin Heller und Jörn Fahrbach beschäftigen sich nicht nur mit dem berühmten Steinzeitdorf im Weiler Ortsteil. An welchem Projekt sie gerade arbeiten.

Seit es 2011 zur UNESCO-Welterbestätte „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“ erklärt wurde, gibt es zahlreiche Publikationen über das „Steinzeitdorf Pestenacker“, für das sich längst nicht nur Archäologen interessieren. Auch Martin Heller, der nur einen Steinwurf nördlich davon aufwuchs, hat die in den 1930er-Jahren in der Talsenke zwischen Verlorenem Bach und Loosbach gefundenen steinzeitlichen Siedlungsreste aus dem vierten Jahrtausend vor Christus zum Thema seiner Abitur-Facharbeit gemacht. Nun erforscht Martin Heller die historischen Fakten des Weiler Ortsteils Pestenacker. Er hat auch einen Verein gegründet.

Richtig tief in das Hobby der Heimatforschung stieg Heller im Jahr 2016 ein, als Annemarie und Anton Rauschmaier, die langjährigen Wirtsleute, beim Ausräumen eine alte Postkarte fanden und ihm schenkten. Von da an begann er Bilder von alten Häusern zu sammeln. Auf einer anderen seiner Postkarten-Schätze aus dem Jahr 1870 ist eine große Familie vor ihrem Anwesen zum Fototermin mit Hofhund aufgereiht. Dahinter ist ein Pferdewagen zu sehen, auf dem hinter dem Kutscher einige Frauen sitzen, die möglicherweise von der Feldarbeit kommen. Franz Huster aus Heinrichshofen, der ihm die Karte überließ, hat auf der Rückseite Angaben zu den am Haus angebrachten Tafeln notiert. Zu der am Hauseck ist vermerkt: „Wohnung des Bürgermeisters“. Auf der großen Tafel über der Tür: „Erbaut von Benedikt und Katharina Lichtenstern 1870 in Ewigkeit Amen“, und auf einer kleineren: „Thuringia“ (Versicherung).

Auf Martin Hellers Initiative gründete sich der Dorfverein

Dann gibt es noch einen Schaukasten neben der Tür: „Gemeinde Pestenacker“. Der 46-jährige Martin Heller, der dort groß wurde, lebt mit seiner Frau Ulrike und den drei Kindern in einem Haus, vor dessen Wintergarten sich der freie Blick ins Grüne auftut. Seine Eltern wohnen um die Ecke. Nur wenige Gehminuten entfernt liegt ein Kleinod, die neugotische Kapelle, die Georg und Maria Hochenauer 1887 zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Mariens erbauen ließen. „Hier wurde mein Bruder getauft“, erzählt Ludwig, der ältere Sohn von Martin Heller, bei einem Spaziergang dorthin, „weil damals die Pfarrkirche St. Ulrich restauriert wurde“. Die Flur mitsamt der Kapelle befindet sich in Privatbesitz. „Es wäre gut, wenn sie nicht Opfer des Verfalls würde“, so Martin Heller, der seit 32 Jahren die Orgel in der Eglinger Pfarrkirche St. Vitus spielt.

Die Kirchenglocken wurden in einem Festumzug zurückgebracht, nachdem sie das Ende des Zweiten Weltkriegs vor dem geplanten Einschmelzen bewahrt hat.
Bild: Schwalm

Als langjähriger Musiklehrer am Ignaz-Kögler-Gymnasium arrangiert er zusammen mit seinen Kollegen und Schülern Konzerte. Von 1994 bis 2009 leitete er die Blaskapelle Egling-Heinrichshofen, bevor er von 2011 bis 2017 das Dirigat der Stadtkapelle Landsberg übernahm. Martin Heller gelingt es, auch außerhalb seiner musikalischen Aktivitäten Menschen zusammenzuführen. So saßen 2016 in der Fahrzeughalle der Feuerwehr, etwa 120 Bürger dicht gedrängt, um gemeinsam alte Fotos anzuschauen, die sie im privaten Umfeld gefunden hatten. Auf Martin Hellers Initiative hin gründete sich 2018 zudem der Dorfverein Pestenacker, dem spontan ein Viertel der 284 Einwohner beitrat und der sich unter anderem auch damit beschäftigt, Kindern die Geschichte des Dorfes näherzubringen.

Jörn Fahrbach ist für die Schulgeschichte zuständig

Hier kommt Jörn Fahrbach ins Spiel, ein Zugezogener. Der PR-Manager, der sich beruflich auf internationalem Parkett bewegt, kam wegen seines Jobs in Martinsried aus dem Großraum Stuttgart nach Bayern. Nachdem die vierköpfige Familie in München keine adäquate Wohnung fand, entschloss sie sich, aufs Land zu ziehen.

Jörn und Franziska Fahrbach sind Gründungsmitglieder des Dorfvereins. Sie ist Lehrerin für Geschichte, Politik und Ethik und leitet derzeit eine private Bildungseinrichtung in Augsburg. Im Pestenacker Dorfverein wurde ihr das Amt der Schriftführerin angetragen.

Auch ein Faschingsumzug hat einmal in Pestenacker stattgefunden.
Bild: Schwalm

Die Fahrbachs mögen ihre neue Heimat und Jörn Fahrbach, der auch Rugby bei der FT Jahn Landsberg spielt, widmet sich nun im Team mit Martin Heller dem Projekt „Heimatgeschichte“, das irgendwann in Buchform erscheinen soll. Hobbyhistoriker Fahrbach steckt schon mittendrin in seinem Part, der Schulgeschichte, und hat einiges zusammengetragen. Dazu gehören unter anderem Informationen über die erste Schulreform von 1873, als alle Erziehungs- und Unterrichtsstätten unter die Aufsicht des Staates gestellt wurden.

Die beiden Ortschronisten arbeiten an einer Chronik

Zu einem Kreuz mit kleiner Hinweistafel, das 1956 an einer Senke am Radweg nach Walleshausen aufgestellt wurde, hat Martin Heller Nachforschungen angestellt. Dort ist die Hebamme Magdalena Wanner, die mit ihrem Mann Vitus in Pestenacker das Anwesen beim „Veit“, bewohnte, in der Nacht vom 26. auf den 27. Dezember 1877 tot aufgefunden worden. Sie hatte im Schneegestöber die Orientierung verloren, wollte sich wohl kurz ausruhen, ist eingeschlafen und erfroren.

„Die Kulturwissenschaftlerin Carmen Jacobs – Mitarbeiterin der Kreisheimatpflege – hat mich auf ein Buch der Reihe ’Germania Sacra’, das sich mit Wessobrunn beschäftigt, aufmerksam gemacht“, so Heller. Es fanden sich Hinweise auf einen berühmten Sohn Pestenackers: den Uhrmacher Nikolaus Huber, der 1524 eine Uhr für den Glockenturm der Benediktinerabtei Wessobrunn baute.

Heller und Fahrbach werden noch eine Weile mit der Erstellung ihrer Chronik beschäftigt sein und würden sich über weitere Mithilfe aus der Bevölkerung freuen.

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