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12.02.2010

Ein Gedicht erinnert an ein tragisches Unglück

Landsberg Wer heute die Alte Bergstraße hinauf oder hinab schlendert, der kann sich kaum noch vorstellen, dass sie einst die belebteste Straße Landsbergs war. Ein Kuriosum sogar. Denn sie war die einzige Straße Deutschlands mit Linksverkehr. Bedingt durch das starke Gefälle von 18 Prozent kam es zudem immer wieder zu Unfällen. Vor 175 Jahren spielte sich ein besonders tragischer ab. Am 14. Februar 1835 rutschte ein Wagen die eisglatte Bergstraße hinunter und krachte gegen den Schmalzturm. Zwei Frauen aus Weil fanden den Tod.

Ein Gedicht, verfasst von Alois Cobres, hält die Erinnerung an das Unglück heute noch aufrecht. Der Handelsmann und Munizipal Rath war wohl ein Augenzeuge des Geschehens. Er war Besitzer des "Storchenbaderhauses" an der Schlossergasse, in das 1878 das Stadttheater gebaut wurde, wie der ehemalige Stadtheimatpfleger Anton Lichtenstern herausgefunden hat. Was Cobres gesehen hat, hielt er in Reimform fest. Im Gasthaus Pfletschbräu an der Alten Bergstraße hat sich ein Exemplar des im Moritaten-Stil verfassten Gedichts (siehe auch "Im Wortlaut") erhalten.

In den Landsberger Geschichtsblättern aus dem Jahr 1905 findet sich unter "Kurze Nachrichten" ein Bericht über den Unfall. An jenem Samstag hatten sich die Bauernwitwe Katharina Giggenbach sowie ihre junge Verwandte, die Bauerntochter Therese Geier und deren zukünftiger Bräutigam mit dem Pferdegespann auf den Weg nach Landsberg gemacht. Sie wollten Einkäufe für die kommende Hochzeit erledigen. Am Nachmittag ging es wieder nach Hause. Eine letzte Besorgung wollte der junge Mann an der Alten Bergstraße tätigen. Die beiden Frauen blieben auf dem Wagen.

Plötzlich scheuten die Pferde, schreibt Alois Cobres. Die Tiere drehten sich, die Deichsel brach und der Wagen raste den eisglatten Berg hinunter. Mit hoher Geschwindigkeit prallte er gegen eine Mauer des Schmalzturms, wo er zerschellte. Die 22 Jahre alte Braut starb noch an der Unfallstelle. Ihr Bräutigam fand sie tot unter dem Wagen. Die 54-jährige Tante erlag gut einen Tag später im Landsberger Spital ihren Verletzungen.

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Berichte von Unfällen auf der steilen Fahrbahn finden sich viele. Fuhrwerke kamen vor allem in den Wintermonaten leicht ins Rutschen. Zur Sicherheit der in der Regel auf der linken Seite des Wagens gehenden Fuhrleute galt auf der Alten Bergstraße Linksverkehr. Viele Hauseingänge waren nach innen versetzt, damit die Fuhrleute bei Gefahr darin Schutz suchen konnten. Laut mündlicher Überlieferung mussten daher einige Haustüren auf Anordnung der Stadt geöffnet bleiben.

Mit dem aufkommenden Kraftverkehr häuften sich die Unfälle. Die Alte Bergstraße war als Nadelöhr gefürchtet. In Reiseführern wurde auf den Linksverkehr hingewiesen. Gewarnt wurden die Reisenden mit dem Hinweisschild "Links fahren". Am Schmalzturm machten ein Totenkopf und große Schrifttafeln in vier Sprachen - Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch - auf die Ausnahmeregelung aufmerksam. Dennoch gab es immer wieder Unfälle.

Im Jahr 1930 kam ein Lastwagen unterhalb des Girgerlbrunnens ins Rutschen, stellte sich quer und versperrte die Bergstraße. Wie Heinrich Pflanz in seiner Bild-Dokumentation über die Neue Bergstraße schreibt, musste erst eine Zugmaschine mit zwei Seilwinden von der Kaserne angefordert werden. Das Fahrzeug fuhr über Kaufering, um von oben her an den verunglückten Lastwagen zu gelangen.

Ereignisse wie dieses und das Gegeneinander von Lastwagen, Omnibussen, Pferdefuhrwerken, Personenwagen und Motorrädern auf der engen Fahrbahn machten den Bau einer neuen Trasse unumgänglich. Erste Pläne wurden wohl schon 1795 geschmiedet, schreibt Walter Drexl in seinem Buch "Landsberg - Liebenswerte Stadt am Lech". Der Wasserbaudirektor Adrian von Riedl habe seinerzeit vorgeschlagen, den Berg vom Bayertor aus links hinab durch den Hofgraben zu umgehen.

Von den ersten Überlegungen bis zur Realisierung einer neuen Bergstraße war es aber ein langer Weg. Im Jahr 1935 begann der Bau der Trasse durch die Krachenbergschlucht, in einem engen Bogen um den Jungfernsprung hinunter zum Hauptplatz. Um dorthin zu gelangen, mussten neben dem Schmalzturm vier Häuser abgebrochen werden. Für die Stadtverwaltung wurde an gleicher Stelle ein neues Gebäude mit einer Durchfahrt errichtet. Weihnachten 1936 rollten die ersten Fahrzeuge vorzeitig über die Neue Bergstraße. Gleichzeitig wurde die jetzt als Alte Bergstraße bezeichnete Fahrbahn für den Durchgangsverkehr gesperrt.

Die Alte Bergstraße durfte aber weiterhin befahren werden, die Durchfahrt am Bayertor war noch nicht gesperrt. Im Winter war die Bergstraße seit jeher eine beliebte Rodelbahn. Das Rodeln war eigentlich verboten, darum kümmerten sich die Jugendlichen aber wenig. Oft schlitterten sie über die Schlossergasse bis in den Hinteranger, berichtet Walter Drexl.

Da weiterhin durch das Bayertor gefahren werden durfte, verirrten sich mitunter Kraftfahrer auf die Alte Bergstraße. So auch in der Nacht vom 4. auf den 5. Januar 1958. Spiegelblankes Glatteis verwandelte die Straßen in der Stadt in gefährliche Rutschbahnen. 21 Berliner Schülern, ihren drei Lehrern und zwei Fahrern, die in einem Omnibus von München in Richtung Kleinwalsertal unterwegs waren, wurde dies zum Verhängnis.

Bereits in der Linkskurve am Gasthaus Stadt München geriet der Bus kurz nach 5 Uhr ins Schleudern. Der Fahrer lenkte ihn in seiner Not durch das Bayertor. Seine Bremsversuche auf der Alten Bergstraße schlugen allesamt fehl. Das Fahrzeug fand keinen Halt mehr, krachte auf dem Weg nach unten gegen vier Hauswände und prallte schließlich gegen die Rückseite des Hauses des Uhrmachermeisters Johann Wittmann neben dem Schmalzturm. Zwei Schüler und ein Busfahrer kamen ums Leben, sieben Mädchen und Buben mussten ins Krankenhaus gebracht werden.

Die Anteilnahme nach dem Unglück war groß. Der damalige Berliner Bürgermeister Willy Brandt schickte ein Beileidstelegramm. An der Trauerfeier in Berlin nahmen Tausende Menschen teil. Es war das letzte große Unglück, das sich auf der Alten Bergstraße ereignet hat. Heute darf sie nur noch von Anliegern bergab benutzt werden. Es ist ruhig geworden in der einst blühenden Geschäftsstraße auf der sich früher Fußgänger, Pferdefuhrwerke und Automobile begegneten.

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