1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Ein Tierplastiker und die Politik

Landsberg

24.03.2016

Ein Tierplastiker und die Politik

Copy%20of%20jor060(1).tif
2 Bilder
Porträt Professor Fritz Behn. Aus Vaterstädtische Blätter; Jg. 1910, Nr. 51, Ausgabe vom 11. Dezember 1910.
Bild: Fotograf unbekannt

Auf den Spuren des Künstlers, der den Inselbad-Panther gestaltet hat: Fritz Behn und seine Reisen.

Mehrere Möglichkeiten, ein Ergebnis: Geraten Wildkatzen mit Menschen in Berührung, ist es in der Regel mit ihrer Freiheit und Selbstbestimmung vorbei. Im übertragenen Sinn trifft das selbst für Kunstwerke zu, wie den als Bronzeplastik im Landsberger Inselbad verewigten „Panther“.

Auf seine historischen Spuren hat sich eine junge Forschergruppe um Wolfgang Hauck gemacht (das LT berichtete).

Als jüngstes Ergebnis hatten die an dem Projekt beteiligten Schüler und Flüchtlinge, Fritz Behn als Schöpfer der stadtbekannten Plastik ausgemacht. Dieser Namenszugs steht auf dem Sockel der Plastik. Fritz Behn wurde also gegoogelt. Plötzlich tauchten Begriffe wie Nationalsozialismus und Diktatur auf, und das im Zusammenhang mit Kunst und Kultur.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Katharina Grenzmann brachte es auf den Punkt: „Was hat das mit unserem Landsberger Panther zu tun?“ Wolfgang Hauck: „Man muss mit jungen Menschen Schritt für Schritt ein derartiges Thema angehen. „Deshalb haben wir den Panther sozusagen von hinten, also von seinen natürlichsten Anfängen her, aufgezäumt“. Und die liegen bei Wildkatzen eben in Afrika. Fritz Behn, 1878 in Güstrow geboren, hatte einen großen Teil seines Lebens zwar in München verbracht. Aber er hatte auch immer wieder die weiten Afrikas gesucht. Behn blieb allerdings seinem Stil treu. Eine Anlehnung an die afrikanische Kunst kam für ihn nie infrage, das wird aus seinen Schriften ganz klar. Auch für die Picassos dieser Welt hatte er nur Verachtung übrig.

Bereits beim Besuch der ehemaligen Kunstgießerei A. Brandtstetter in München war der Name Fritz Behn am Rande gefallen. Dort nämlich hatte er auch den Landsberger Panther gießen lassen. Als Vorlage für seine Plastiken diente Behn nie, wie bei anderen Künstlern üblich, ein Foto. „Der hat von den erlegten Tieren Gipsabgüsse direkt in der Serengeti gemacht und sie dann nach München gebracht“, fasste nach der Lektüre Zaker Alizade zusammen, um anschließend nachzuhaken: „War der Künstler oder Jäger?“ Beides, und noch viel mehr. Wieder nämlich half der Zufall den jungen Forschern weiter. Der Zufall in Gestalt von Joachim Zeller. Beinahe zeitgleich mit dem Beginn des Panther-Projektes hat der Historiker eine Biografie über Fritz Behn veröffentlicht. Nachdem sich die Schüler und Jugendlichen über die Fragen verständigt hatten, wollte es ein weiterer Zufall, dass Hauck den Behn-Experten Zeller in Berlin traf. Ohne Umschweife bestätigte ihm Zeller, dass der Wikipedia-Artikel, den auch die Landsberger Jugendlichen vor einigen Monaten gefunden hatten, „grottenschlecht“ gewesen sei. „Gleich im ersten Satz“, erläuterte Zeller, „ist zu lesen: er war ein Nazi-Künstler“. Später sei der Artikel korrigiert worden und von einem Bildhauer die Rede gewesen, der seine Hauptschaffenszeit in der NS-Zeit hatte. „Ebenfalls dummes Zeug“, meinte Joachim Zeller und stellte richtig: „Behns Hauptschaffenszeit war in den Kolonien, vor und nach dem Ersten Weltkrieg“. Auf Haucks Frage, wie es denn zu dieser Einschätzung über Behn als Nazi-Künstler gekommen sei, antwortete Zeller: „Es ist eine irre Geschichte. Vor 33 war Behn ein größerer Nazi als nach 33. Er war tief enttäuscht, dass die Nazis ihm keine größeren Staatsaufträge gegeben haben“.

Ohne seinen Mäzen, den ebenfalls rechtskonservativen Paul Reusch, wäre Fritz Behn, der übrigens eng mit dem Schriftsteller Oswald Spengler befreundet war, so Zellers Fazit, verhungert.

Behn habe politisch in seinem Kopf das „ganze Programm“ bedient: „Er war Rassist, Antisemit, ein Kolonialrassist, Monarchist, Faschist, ein Völkischer“. Auch wenn Behn stets darauf beharrte, Nationalsozialist gewesen zu sein, konnte Joachim Zeller in keinem Archiv eine verbriefte NSDAP-Mitgliedschaft ausmachen.

Wann ist Kunst Nazi-Kunst? In diesem Zusammenhang fiel allen Beteiligten des Forschungsprojekts wieder der „Nackerte“ ein, wie ihn der Zeitzeuge Walter Eichner, ehemaliger Landrat, in seiner Kindheit bezeichnet hatte. Der Speerwerfer stammt von einem Zeitgenossen Fritz Behns, dem Münchner Bildhauer Bernhard Bleeker. Der war nachweisbar Mitglied der NSDAP und hatte sich beinahe vernichtend über Fritz Behn in einem Gutachten für die Kunsthochschule Wien geäußert. Dorthin hatte man den streitbaren und um seine Existenz kämpfenden Behn 1939 mehr oder weniger endgültig auf das Abstellgleis geschoben.

Nicht nur für die Jugendlichen waren mit diesen neuesten Ergebnissen, der Stippvisite von Wolfgang Hauck nach Berlin inklusive, mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben. Wurde etwa auch der Panther abgeschoben, und wenn ja, warum, und woher kam er wirklich? Der letzte Anruf vor Redaktionsschluss ließ alle aufhorchen. Nach 1945 soll er im Keller des Pfletscherbräus, so der Anrufer Klaus Schmid aus Landsberg, „in Sicherheit“ gebracht worden sein.

Joachim Zeller:  Wilde Moderne, Der Bildhauer Fritz Behn (1878 -1970), erschienen 2016. Dieses Buch ist die erste umfassende Biografie dieses Bildhauers Fritz Behn (1878-1970). Das Buch ist bei „Discy“ und in der „Buchhandlung Asam“ vorrätig.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20jor053.tif
Prittriching

Der neue Prittrichinger Dorfplatz ist fertig

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden