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Stadttheater

01.10.2019

Ein Traum in Pink

Drei Frauen stecken auf der Toilette eines Flughafens fest. Das ist der Ausgangspunkt des Stücks „Demut vor deinen Taten Baby“.
Bild: Margit Messelhäuser

Das Landestheater Schwaben gastiert in Landsberg mit seiner genialen Inszenierung „Demut vor deinen Taten Baby“

Nur eine Stunde. Eine Stunde, die alles in sich trägt, was Theater ausmacht. Das Landestheater Schwaben bietet mit dem Stück „Demut vor deinen Taten Baby“ das große Ganze: Gesellschaftliche Utopie. Systemkritik. Persönliche Einsamkeit und Ängste. Frauenfreundschaft und Verbundenheit. Situationskomik, wie überhaupt ein ganz feiner, manchmal ins Schwarze driftender Humor. Und das alles kurz und kackig in einer Stunde.

Ein rosa gekachelter Raum. Drei Frauen, die der Zufall zusammen-bringt. Jede in ihrer eigenen Gedankenwelt verhaftet. Da ist die mit dem pornosüchtigen Mann, die mit der christlichen Übermutter und die, die sich ihr Leben als Westernheldin erträumt. Auf einer Flughafentoilette stecken sie fest, es gibt eine Bombendrohung, der Flughafen wird evakuiert, sie dürfen nicht aus ihren Kabinen heraus, denn davor steht der vermeintliche Koffer. Todesangst und Panik verbindet die drei. Der Fehlalarm lässt sie zu besten Freundinnen werden und vor allem zu Menschen, die sich ihres Glücks bewusst sind, die erst durch diese Grenzerfahrung das Leben wirklich genießen können.

Nicht nur die komplett rosa bis pinke Ausstattung des Bühnenbilds sowie der Kostüme und Requisiten verdeutlicht: Hier geht es um die weibliche Sicht der Dinge. Die Mädels beschließen, Überfälle und terroristische Angriffe nachzustellen, damit auch der Rest der Welt aus dieser Extremsituation Glückseligkeit schöpfen kann. Wie Actionheldinnen spielen sie die „fucking apocalypse“. Eine Performance. Oder doch echt? Dann kommt der Staat ins Spiel. Das System. Zumindest diejenigen, die Macht haben, die im Verborgenen bleiben. Sie nutzen den Effekt, den die Frauen erzielen, für ihre wirtschaftlichen Zwecke, mehr Glück heißt mehr Konsum. Irgendwann nutzt sich der Effekt ab, jeder kennt die Frauen. Die drei Weltverbesserinnen werden gezwungen, in einer letzten (köstlich überdrehten) Aktion während der Fußballweltmeisterschaft ihre Drohgebärden für den Verkauf von Versicherungen umzumünzen. Eine beeindruckend gespielte und inszenierte Sterbeszene folgt.

Selten zeigt sich so deutlich wie bei diesem Stück, wo das Theater dem Kino überlegen ist: Die Vielschichtigkeit der gesellschaftlichen Erklärungsmuster. Die schwelende Absurdität, fein und genau richtig dosiert. Die geniale Vermischung der Realitätsebenen (spielt das Ganze womöglich doch in einem Irrenhaus?). Das spielerisch Leichte der Inszenierung. Die weiblichen Dialoge, mal scharf, mal kleinmädchen-like. Das schafft nur ein Stück, in dem alles stimmt: das Drehbuch, die Regie, das Bühnenbild und die Schauspielerinnen. Ein Traum von Theater. Man fühlt sich gar versucht zu sagen: Frauen machen das bessere Theater.

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