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Stadttheater

22.10.2020

Ein Universum in 90 Minuten

Das Schauspiel „Atmen“ mit Agnes Decker und Benedikt Zimmermann vom Metropoltheater München im Landsberger Stadttheater.
Bild: Julian Leitenstorfer

Das Zwei-Personen-Stück des Münchner Metropoltheaters stellt die ganze Welt der Paarbeziehung dar. Großartige Schauspieler

Die Flagge, die am Ende des Stücks beleuchtet wird, trifft es genau: „Love Universe“ steht darauf, um eine Weltkugel herum geschrieben. Das Münchner Metropoltheater gastierte mit „Atmen“ („Lungs“) von Duncan Macmillan im Landsberger Stadttheater.

Das Stück von 2011 verleiht der verunsicherten Generation der heute um die Dreißigjährigen Stimmen durch ein junges Paar, das in der Kassenschlange bei Ikea plötzlich anfängt zu diskutieren, ob sie ein Baby bekommen sollen oder nicht.

Benedikt Zimmermann und Agnes Decker reißen das Landsberger Publikum im Theaterfoyer sofort mit, ziehen es mit hinein in den Strudel der Bedenken. Es ist ein Hin und Her zwischen zwei Partnern, Sätze bleiben unvollendet, sie fallen einander ins Wort, wollen Gesagtes wieder zurücknehmen, sprechen Dinge aus, die sie nicht aussprechen wollen und lassen Dinge ungesagt, die sie unbedingt hätten sagen sollen. Dabei spielen sowohl die Außenwelt als auch das innere Universum des Paares entscheidende Rollen: Darf man in eine so überbevölkerte Welt noch ein Kind setzen? Denn die größte Umweltbelastung ist der (westliche) Mensch. Darf man denken - ja sogar aussprechen -, dass manche Menschen gar keine Kinder bekommen dürften? Wir sind doch die Guten, oder?

Durch den Baby-Konflikt wird die Beziehung der beiden auf eine harte Probe gestellt. Die Dialoge sind absolut fesselnd, denn jeder im Publikum hat sie so ähnlich schon einmal selbst geführt. Und zwar immer in Situationen, in denen es um Sein oder Nichtsein ging. An den Wendepunkten des Lebens. Gebannt folgt das Publikum der Entwicklung der beiden, die Stimmungen und veränderte Lebenssituationen allein durch ihren Dialog darstellen, getrennt durch eine durchsichtige Plastikwand, stehend jeweils auf einer Art Sprungbrett, das sie, je nach innerer Anspannung oder gemeinsamer Schwingung, in Bewegung setzen. Rasend geht es weiter, nach unzähligen, komplizierten Diskussionen wird sie dann doch schwanger, verliert das Kind aber und die Beziehung geht in die Brüche. Nach Jahren treffen sie sich wieder, verlieben sich neu und bekommen ein Kind. Innerhalb von Sekunden ist das Kind aufgewachsen und aus dem Haus. Er stirbt, sie kommt ins Pflegeheim und besucht ihn am Grab.

Das Stück zeigt in anderthalb Stunden atemlosem Dialog alle entscheidenden Eckpunkte und Facetten einer Liebesbeziehung auf, indem es die langen Phasen, in denen sich nichts ändert, auslässt. Ähnlich wie man es auch im Leben empfindet, sind die Szenen am Anfang, bis man entscheidet, ob man zusammenbleibt, ob man ein Kind möchte, länger und quälender. Später rast alles vorbei. Die gefühlte Dauer der Dinge im Gegensatz zu ihrer tatsächlich gemessenen Zeit ist hier genauso abgebildet, wie man sie empfindet. Die beiden jungen Darsteller ernten für ihre schauspielerische Leistung überschwänglichen Jubel von der kleinen Zuschauerzahl.

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