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Holzhausen

20.04.2015

Ein ganzes Leben auf Papier

Anneliese Port-Huber hat über das Leben ihres Vaters Hermann ein Buch verfasst. „. . .und immer wieder ein bisschen Glück“ heißt es, ein Motiv, das sich tatsächlich im Leben von Hermann Port immer wiederfindet.
Bild: Julian Leitenstorfer

Anneliese Port-Huber hat die Erinnerungen ihres Vaters Hermann Port aufgeschrieben. Es ist das Zeugnis einer Generation, die vom Krieg geprägt wurde wie keine andere.

Als der Stellungsbefehl kommt, kann Hermann Port nicht mehr nach Hause. Auf dem Hof, auf dem er als Pferdeknecht arbeitet, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. Würde er noch einmal heimgehen, würde er auch die Tiere dort anstecken. Also kommen die Mutter und der Vater auf den fremden Hof, um ihren jüngsten Sohn zu verabschieden. Drei seiner Brüder sind bereits im Krieg, am Ende wird nur einer von ihnen zurückkehren.

Hermann Port ist 18, als er zu den Gebirgsjägern nach Garmisch eingezogen wird. Heute ist er 90 Jahre alt und sitzt auf dem Sofa in seinem Haus in Holzhausen. Vor ihm auf dem Kaffeetisch liegt ein Stoß Papier, auf dem ersten Blatt ist sein Gesicht zu sehen. Auf den über 100 Seiten findet sich Ports Leben, seine Erinnerungen, von der Geburt über die Kriegsjahre bis hin zu den späteren Jahren mit der Frau, den Kindern und Enkeln. Es sind Erinnerungen, die Port mit vielen Menschen seiner Generation teilt. Nur, dass die wenigsten sie je zu Papier gebracht haben. Für ihn aufgeschrieben hat das alles seine Tochter, Anneliese Port-Huber. „... und immer wieder ein bisschen Glück“ hat sie das Buch genannt. Wer darin blättert, der merkt schnell, dass in diesem Titel viel Wahrheit steckt.

Der Gedanke, die Erinnerungen des Vaters aufzuschreiben, war immer da, erzählt die 52-Jährige, die in Buchloe lebt. „Man müsste doch mal ...“, haben sie alle gesagt, die Mutter, die Geschwister, sie selbst. Die Mutter hat sogar mal damit angefangen, vor vielen Jahren war das. „Aber irgendwann habe ich mir gesagt: ,Das ist alles nix, jetzt schreibe ich’“, sagt Port-Huber und schickt ein lautes Lachen hinterher.

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Ein Dreivierteljahr hat sie für die Biografie gebraucht. Sie hat sich mit einem Block an den Wohnzimmertisch gesetzt und Hermann Port hat geredet. „Aber der Papa erzählt natürlich kreuz und quer“, sagt Port-Huber. Auf ihrem Laptop hat sie am Abend alles abgetippt und chronologisch geordnet. Immer wieder hat sie es der Familie und Freunden vorgelesen. Schließlich hat sie einen Teil daraus sogar beim Landsberger Autorenkreis vorgetragen, um sich Tipps zu holen und die Erinnerungen des Vaters weiterzutragen. „Für die Schublade ist es einfach zu schade“, sagt sie.

Das Buch beginnt dort, wo Port auch heute noch lebt: in der Hauptstraße in Holzhausen. Port erinnert sich auf den ersten Seiten an seine Kindheit, die Jahre in der Schule, die Zeit als Kuhhirt. Man liest, wie er manchmal den Frühgottesdienst geschwänzt hat und die große Schwester ihn dafür bei der Mutter anschwärzte. Oder wie ihm die Kühe, die er bewachen sollte, immer wieder ausgebüxt sind.

Einen großen Teil des Buches nehmen die Kriegsjahre ein. Mit 17 muss Hermann Port zur Musterung. Gemeinsam mit seinem Freund Norbert Mayr fährt er nach München. „Wir wollten zu den Fallschirmspringern“, erzählt er. „Wir wussten aber eigentlich gar nicht so genau, was das ist.“ In München habe man sie ausgelacht. „Ihr wollt zu den Fallschirmspringern?“, habe der Oberstleutnant gefragt. „Ihr seid ja viel zu dünn und viel zu klein.“

Im Frühjahr 1943 geht es dann von Garmisch nach Frankreich, im Herbst nach Russland. Vier Wochen verbringen die Soldaten eingepfercht in einem Viehwagen, bis sie am Schwarzen Meer ankommen. Im Januar 1944 ist es so kalt, dass Ports Füße erfrieren. Die Schuhe müssen ihm von den Füßen geschnitten werden. Weil die Heilung länger als zwei Wochen dauert, wird er aus der Krim ausgeflogen. Die Maschinen, die vor seiner starten, werden abgeschossen. Port verbringt Stunden voller Angst, bevor die JU52 sicher in Odessa landet. „Und wieder hatte ich ein bisschen Glück“, sagt er heute.

Im September 1944 kämpft Port in den Karpaten, als eine Granate neben ihm einschlägt. Er ist schwer verwundet. „Im Bauch, in der Lunge, überall Splitter“, schreibt seine Tochter Anneliese. Drei Mal soll sein Bein amputiert werden, er hat bereits die Sterbesakramente erhalten. Aber ein junger Arzt verschiebt die Operation, das Bein kann wieder gerettet werden.

Und Port hat gleich doppelt Glück: Wenn im Heimatlazarett ein Platz frei ist, dürfen die Kranken dorthin verlegt werden. In Holzhausen war das Magnusheim, das ein Schulkamerad von Ports Mutter leitete. Er hat zwar erst kein freies Bett, lässt Port aber trotzdem nach Hause holen. Das Kriegsende erlebt Port in der Heimat. Er heiratet, gründet eine Familie, engagiert sich im Ort, in den Vereinen. „Mir war es immer wichtig, zu helfen“, sagt er. Auch, weil er selbst überlebt hat, was die wenigsten überleben.

Die Spätfolgen seiner Verletzungen erinnern ihn täglich an den Krieg. Trotzdem fühle es sich manchmal an, als sei das alles gar nicht ihm passiert. „Wenn man zurückblickt“, sagt Port auf seinem Sofa in Holzhausen, „dann ist es heute alles wie ein Traum.“

Kontakt: Anneliese Port-Huber liest auf Anfrage aus den Erinnerungen ihres Vaters. Kontakt per E-Mail an und-immer-wieder-glueck@gmx.de

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