Brutale Wahrheiten

13.10.2014

Ein starkes Stück

„Die Ballade der Mädchen vergangener Zeit“ von Ioan C. Toma, im Bild Ileana Tautu und Jolanta Szczelkun (Akkordeon).
Bild: Thorsten Jordan

Frauen berichten vom Krieg

Toma hat die aufgeschriebenen Erinnerungen dreier junger Frauen an die Zeit des Dritten Reiches verwoben und die Originaltexte wie eine szenische Lesung vortragen, aber auch richtig spielen lassen. Der doch etwas schwere Stoff hielt möglicherweise einige Theatergänger vom Besuch ab, etliche Theatersessel waren leer geblieben. Schade drum, denn sowohl Stück als auch Schauspielerinnen begeisterten und dem Inhalt war wie bereits erwähnt, mit den Mitteln des Theaters immer mal wieder die Schwere genommen. Das Bühnenbild – Stühle in verschiedenen Größen – betonte Sachlichkeit, die stets weiße Kleidung der Akteure ebenfalls. Bewundernswert, wie die beiden Schauspielerinnen Susanna Kratsch und Ileana Tautu ihre ziemlich umfangreichen Texte meisterten – der eine oder andere Versprecher schmälert diese Leistung keineswegs, im Gegenteil.

Stets ging es nahtlos weiter in dem Horror von Hitler, Krieg und Verschleppung. Wunderbar, wie Brachiales banal dahingesagt wurde, wie kleine Scherze aus dem Mund kamen, die Mimik aber etwas ganz anderes sprach. Gemeinsam rezitierten die beiden Protagonistinnen aus den Aufzeichnungen der jungen Bäuerin Anita Nandris-Cudla aus der Bukowina, die über die Plünderung ihres Dorfes und ihre Verschleppung nach Sibirien schreibt, als wäre es eine ganz normale Sache. Anders hätte sie das Erlebte vermutlich nicht ausgehalten. Bei der jungen Ana Novac, die ein KZ von innen erleben musste, war es der Humor, der ihr das Überleben sicherte. Beinahe fröhlich wird von der Latrine erzählt, die unter den Lagerinsassen „Club“ genannt wird, weil sich hier die ganze Welt trifft. Hier kann geträumt werden, von Paris oder London.

Hunger? „Ich lebe von meiner eigenen Substanz.“ Verstörend hörten sich die Sätze an, mit der die in Kronstadt lebende junge Bettina Schuller die Kriegsbegeisterung in ihrer Heimatstadt erlebt und beschreibt. Die Menschen seien dem „Führer“ gegenüber gläubig gewesen wie dem Rot und Grün einer Ampel. „Es war eine Lust am Gehorchen.“ Ein Ereignis war Jolanta Szczelkun mit ihrem Akkordeon. Die Musikerin, die drei Tage vorher bereits im Landsberger Stadttheater aufgetreten war, fand stets den richtigen Ton. Mal milderte sie die brutale Wahrheit mit sanften Tönen ab, mal verstärkte sie das grausame Spiel, ließ das Akkordeon ächzen und krätzige Disharmonien ausspucken.

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