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06.03.2009

"Eine Bühne, die schön und schrecklich zugleich ist"

Landsberg Hans Steinbichler wuchs in Kothöd im oberbayerischen Chiemgau auf. Er arbeitet als Regisseur und Drehbuchautor und wurde mit Filmem wie "Hierankl" (dafür schrieb er auch das Drehbuch) oder "Winterreise" bekannt. Er gewann den Förderpreis Deutscher Film sowie den Adolf-Grimme-Preis in Gold. Sein Film "Winterreise" wurde für den Deutschen Filmpreis 2007 mehrfach nominert, Hauptdarsteller Sepp Bierbichler gewann in der Kategorie " Bester Schauspieler". In Landsberg wird im Filmforum im Stadttheater am Montag, 9. März, 20 Uhr sein Film "Autistic Disco" gezeigt. Steinbichler ist bei der Vorführung in Landsberg und diskutiert nach dem Film mit dem Publikum. LT-Redakteurin Alexandra Lutzenberger sprach mit Steinbichler über seine Filme.

Heimat, das Dorf und seine Menschen, das sind Themen, die sich in Ihren Filmen immer wiederfinden. Auch in Autistic Disco, ein Film, der als erster einer Reihe von Filmen im Landsberger Filmforum läuft, spielt in den Bergen, in der Abgeschiedenheit. Kann man hier die Konflikte der Menschen besser darstellen?

Steinbichler: Als Kind hat mich vor allem die Landschaft des Chiemgaus geprägt und nicht so sehr die Menschen. Denn als ich Kind war, verbrachte ich mit den anderen Kindern zusammen die Zeit draußen in der Natur. Ich erinnere mich, dass mich die "Menschen", also die Erwachsenen, immer erst am Abend durch einen Ruf zum Essen, der durch das ganze Dorf oder über die Felder ging, zu sich, in ihr "Reich", holten. Es war daher für mich ein kurzer Weg, Landschaft, in diesem Fall die deutsche Landschaft, ins Kino zurückzubringen. Zumal sie im deutschen Kino schon fast vergessen schien. Zudem ist Landschaft im Verhältnis zum Menschen wie ein Kontrastmittel. Sie schärft und verstärkt das Schöne und das Schreckliche zugleich. Sie ist wie eine großartige Bühne, die man gar nicht als solche wahrnimmt.

Sepp Bierbichler spielt gerne in Ihren Filmen und hat in Winterreise den Deutschen Filmpreis gewonnen. Was schätzen Sie an diesem Schauspieler?

"Eine Bühne, die schön und schrecklich zugleich ist"

Steinbichler: Sepp Bierbichler ist ein Mensch, dessen Wurzeln mir nahe sind. Auch er hat den absurden Komplex des bäuerlich-minderwertigen, ungebildeten, vom Lande kommenden Menschen verinnerlicht, der über den Kampf gegen das Bürgerliche gleichzeitig dessen Nähe und Anerkennung sucht. So zumindest habe ich ihn gelesen, als ich längere Zeit mit ihm verbrachte. Diese Wesenszüge sind mir nahe, bis zum Bemühen, anerkannt und gemocht zu sein, gesehen zu werden. Ich schätze an Bierbichler daher eine Gemeinsamkeit, eine uns eigene Sprache und ein stilles Verständnis, die das Inszenieren mit ihm zu einem inneren, mir vertrauten Gespräch macht.

Autistic Disco ist ein emotionaler, aber verstörender Film. Was reizte Sie an diesem Thema, das sicher nicht ganz einfach ist und die Zuschauer sehr fordert?

Steinbichler: "Autistic Disco" ist ein radikaler Versuch, Jugendliche, die von ihren Gefühlen und der Natur völlig entfremdet sind, gewaltsam in einen Naturraum zu werfen und zu sehen, was passiert, wenn sie nichts haben, woran sie sich sonst festhalten können. i-Pod, Computer, Handy und Playstation sind nicht vorhanden. Sie sind auf sich selbst zurückgeworfen. Mich hat der Gedanke gereizt, was dann in so einer kleinen Gesellschaft von sieben Menschen passiert.

Sie werden in Landsberg bei der Aufführung dabei sein, gibt es auch die Möglichkeit für die Zuschauer, mit Ihnen zu sprechen oder zu diskutieren?

Steinbichler: Ich komme nach Landsberg, um dort ein Gespräch mit den Zuschauern zu führen. Gerade bei Filmen, die ein Sich-Einlassen fordern wie Autistic Disco bin ich sehr auf das angewiesen, was ich vom Publikum zurückbekomme. Das ist für mich nach dem Machen der wichtigste Moment.

Welche weiteren Filme werden mit Ihnen in Landsberg zu sehen sein?

Steinbichler: Im April zeigt Kurt Tykwer noch meine letzte Arbeit "Die Zweite Frau". Im Gegensatz zu "Autistic Disco" ist dieser Film geradezu leicht: eine sehr einfache Dreiecksgeschichte zwischen einem Muttersöhnchen, gespielt von Matthias Brandt, dessen Mutter, gespielt von Monica Bleibtreu und einer jungen Frau, Maria Popistasu, die über eine Heiratsagentur aus Rumänien nach Deutschland findet.

Im Wettbewerb der Berlinale lief der Episodenfilm "Deutschland 09". Was soll dieser Film, was will dieser Film über Deutschland vermitteln?

Steinbichler: "Deutschland 09" versteht sich in der Nachfolge des berühmten Episodenfilms "Deutschland im Herbst" von 1981. Dort haben Filmemacher auf die Zeit des "Deutschen Herbst" reagiert. Wir, Dominik Graf, Tom Tykwer, Wolfgang Becker, Romuald Karmakar, um nur einige zu nennen, versuchen eine Art Bericht zur Lage der Nation im Jahr 2009 zu liefern. Es ist, so sehe ich das Ergebnis, der Blick auf eine Mitte, in der nichts stattfindet. Die Politik ist zum Konsens verkommen, alle bewegen sich starr in ihren Rollen und es gibt kaum noch Bewegung im Land. Was wir in diesen Beiträgen analysieren, mal besser und mal schlechter, nämlich die Starre, bricht die sogenannte "Krise" jetzt mit aller Radikalität auf. Ich glaube, dass es ein Film zur rechten Zeit ist.

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