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Altstadt Landsberg

22.04.2017

Eine Landsbergerin rettet ein Haus

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7 Bilder
Wenn man zu Diana Stoewer kommt, fühlt man sich sofort in eine andere Zeit versetzt und wird - wie es heißt - entschleunigt. Hier kann man zur Ruhe kommen. Das Café mit Pension in der Alten Bergstraße hat Diana Stoewer eröffnet in dem früheren Hutgeschäft Ehelechner. Hier werden die Pensionsgäste empfangen.
Bild: Thorsten Jordan

Das Café mit Pension ist eine Oase in der Alten Bergstraße. Diana Stoewer machte aus einem Hutgeschäft das „Chapeau“. Gastronomie mit dem gewissen Etwas.

Was entscheidet über Erfolg oder Misserfolg in der Gastronomie? Warum fühlt man sich in dem einen Café wie im eigenen Wohnzimmer nur mit Bedienung, woanders aber irgendwie unwohl oder belanglos? Es ist nicht nur die Qualität der Speisen, die Freundlichkeit der Bedienung oder das angemessene Preis-Leistungs-Verhältnis, nicht nur das zur-rechten-Zeit-am-rechten-Ort sein oder den Zeitgeist getroffen zu haben, vielmehr ist es wohl eine Art Liebe oder Hingabe, die das gewisse Extra ausmachen.

Diana Stoewer hat die lange cafélose Zeit in der Alten Bergstraße (das früher so beliebte Zirnheld ist seit vielen Jahren geschlossen) als Chance gesehen. Das „Chapeau“ in der Alten Bergstraße ist so ein Laden. Keine Werbung. Nach außen hin verschlossen wirkend. Zu Beginn unregelmäßige Öffnungszeiten. Und doch ist das Café zu jeder Zeit gut besucht. Man tritt durch die Eingangstüre, steht direkt neben der Küche und schaut erstmal verwirrt auf den kleinen Tresen mit großem Reservierungsbuch, ein kleines Hotel, denkt man und geht weiter den Flur mit den kunstvollen Bodenfliesen entlang, bis man schließlich den Gastraum betritt und sich gleich in Frankreich wähnt. Links eine luftige, antike Kuchentheke, rechts eine alte Hutablage, kein Tisch, kein Stuhl wie der andere und doch passt alles zusammen. Es dominieren taubengrau, türkisgrün und petrol. Um die Ecke alte Kinositze mit frischen lagunenfarbenen Samtbezügen, daneben eine uralte Theke. Überall entdeckt man Details und verwunschene Dinge, die liebevoll restauriert worden sind und wie aus einer anderen, einer vergangenen Welt erscheinen. Eine helle, leichte Atmosphäre scheint über allem zu schweben.

Eine blonde Frau nimmt die Bestellungen auf, es ist noch nicht alles perfekt im Laden, doch sie strahlt eine unbeirrbare Ruhe aus. Man greift zur Zeitung, der Kaffee schmeckt, der Kuchen auch. Die Frau ist Diana Stoewer und ein Café passte lange nicht in ihren Lebensentwurf. Doch irgendwie habe sich alles so gefügt, sagt sie, setzt sich an den Tisch und erzählt aus ihrem Leben. Ausbildung als Werbekauffrau in Münster, Studium der Psychologie, lange Jahre im Marketing und in der PR großer Konzerne tätig, dann als Event- und Kundenbetreuerin für die Edelmarken von Daimler zuständig. Schon zu diesen Zeiten hat sie ihre Urlaube zur Fortbildung in kreativen handwerklichen Techniken genutzt, hat Möbel restauriert und gemerkt, dass dabei ihr Herz aufgehe. Ein Abfindungsangebot ihrer Firma hat sie genutzt um im Vorderen Anger ein Interieurgeschäft aufzumachen: Für „Wohnsinnliches“ restaurierte sie Möbel im damals gerade aufkommenden „Shabby-Chic-Style“. Fortan verbrachte Diana Stoewer ihre Urlaube damit alte Möbel in Lissabon, in Frankreich, in Belgien aufzutreiben und wieder ›aufzumöbeln‹. Das Geschäft lief. Dann übernahm eine Investorengemeinschaft das Haus, die Läden mussten raus. Gleichzeitig musste Diana Stoewer hoch zur Nordsee ihre schwerkranke Mutter in den Tod begleiten. Drei Monate emotional harte Auszeit.

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Wieder zurück in Landsberg entdeckte sie das Hutlädchen in der Alten Bergstraße, seit 230 Jahren in Familienbesitz. Eigentlich wollte sie ihren ursprünglichen Laden hier aufmachen, doch dann kam überraschend das Angebot, das ganze Haus zu kaufen. Gleich sah sie vor ihrem inneren Auge eine Herberge mit kleinem Café, so wie sie es von ihren Frankreichreisen so lieben würde. In einem Jahr hat sie das Erdgeschoss in Eigenregie von seinen dunklen, beengenden Räumlichkeiten befreit und mit hellem, spielerischen Charme ausgestattet. Hat Schichten um Schichten den ursprünglichen Dielenboden wieder freigelegt, Deckenbalken entdeckt, hat gefliest, verputzt und bis auf Sanitär und Heizung fast alles selbst gemanagt. Kein Architekt, kein Altbauspezialist stand ihr zur Seite. Wer mag, dem zeigt sie auf Nachfrage gerne eine Mappe, in dem sie den Bauprozess dokumentiert hat.

Ein weiteres halbes Jahr später ist nun auch der erste Stock fertig. Hier befinden sich zwei individuell gestaltete Ferienwohnungen im hochwertigen französischen Landhausstil. Das zweite und dritte Stockwerk sollen ebenfalls ausgebaut werden und dann gebe es da ja noch den doppelstöckigen Dachboden. Viel Platz also für Diana Stoewer sich kreativ auszutoben, ein Stadthotel, das ist ihre Vision. Doch mittlerweile nimmt das Café viel ihrer Zeit ein. Immerhin backt sie alle Kuchen selber, kreiert fantasievolle Frühstücks-Brotaufstriche, entwirft ein Mittagsmenü. Alles - genau wie ihr Wohnstil - möglichst natürlich, hochwertig und genussvoll. Nicht einmal, so sagt sie, habe sie daran gezweifelt, ihren ursprünglichen Job aufgegeben zu haben und heute sei sie stolz „auf die gute Energie, die ihre Räume verströmen“.

Die anfangs erwähnte Hutablage ist übrigens ein Gepäcknetz aus der ersten Klasse der ehemaligen Reichsbahn, die Bar das Oberteil einer Vitrine aus einem Chateau in der Provence. Zu jedem Stück kennt Diana Stoewer die Geschichte. Man darf sie immer fragen, sie gibt gerne Auskunft.

Seit kurzem hat sie zum Hexenviertel hin draußen Stühle und Tische aufgebaut, diesmal allerdings ohne Geschichte und Patina, dafür mit Nachmittagssonne.

Häuser Die Häuser in der Bergstraße 405 bis 409 sind auf der Rückseite im sogenannten Hexenviertel mit vorgehängten Hochlauben. Das Haus 405 von Stoewer hatte den Hausnamen „Zum Ehelechner“ und gehörte viele Jahre einem Hutmacher. Er hatte hier seine Hutmacherei und ein Hutgeschäft. Mehr darüber finden Sie in „Die Kunstdenkmäler von Bayern“ die Stadt Landsberg, Teil 3.

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