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Pitzling

27.02.2016

Eine besondere schwarze Scheune

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8 Bilder
Wenig Möbel, aber dafür mehr Kunst im Haus von Gabriele Lockstaedt.
Bild: Thorsten Jordan

Leben und Arbeiten unter einem Dach. Die Malerin Gabriele Lockstaedt verwirklichte ihren Traum in Pitzling

In den Hang hinein gebaut, mit großen Fensteröffnungen, auf der Westseite zum Flusstal hin und im Süden zu den Bergen, erhebt sich ein zweigeschossiges, schlicht gehaltenes Wohnhaus, das mit seiner dunklen Holzverschalung tatsächlich ein wenig an diese einfachen landwirtschaftlichen Nutzgebäude denken lässt. „Ich bin nicht der Typ, der draußen stehen will. Ich wollte mich in den Ort integrieren und das sollte mein Haus auch“, sagt dessen Bewohnerin Gabriele Lockstaedt.

Nach jahrelangen Renovierungsarbeiten eigentlich gerade erst fertig geworden mit ihrem Menzinger „Cottage“, zog es die Malerin „jetzt oder gar nicht mehr“ nun hinaus aufs Land. Einen alten Bauernhof, so stellte sich bald heraus, nach ihren Vorstellungen umzubauen, wäre unverhältnismäßig aufwendig und kostenintensiv gewesen. Besser unter ein Dach zu bekommen waren die drei Grundanforderungen Wohnraum für eine Person, großes Atelier mit ausreichender Deckenhöhe sowie kleines, abgeschlossenes Gästeapartment in einer Neuplanung.

Das Grundstück in Pitzling, ein Glücksfund vor etwa drei Jahren und Liebe auf den ersten Blick, wollte allerdings erobert sein. Mit seinem extremen Gefälle und der Auflage, mit dem Haus vier Meter vom Straßenrand abzurücken, erwies es sich als äußerst schwer bebaubar. „Kompliziert, aber zu machen“, lautete nach langen Überlegungen dann aber das Expertenurteil. Und es gab Ermutigung von von höherer Instanz: „Mit dem Marterl unter der riesigen Erle am oberen Grundstücksrand konnte das doch nur gutgehen“, sagt Gabriele Lockstaedt, „beim Bauen und beim Malen braucht man ja Schutz - und höhere Eingebung“, fügt sie lachend hinzu.

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Um die Bodenplatte sicher herstellen zu können, mussten zur Stabilisierung und Befestigung des Bauuntergrunds 16 lange Rohre in den Boden gebaggert und mit Beton ausgegossen werden - ein moderner Pfahlbau, wenn man so will. „Das war der Hauptbrocken“, erinnert sich Gabriele Lockstaedt an diese schwierige erste Bauphase zurück, „als mir der vom Herzen fiel, konnte man das, glaube ich, durchs ganze Lechtal donnern hören“, merkt man ihr noch heute die Erleichterung darüber an, dass nun endlich auch ihr „Projekt Pöriger Straße 1a“ als ganz normales Bauvorhaben gelten konnte.

Von der ersten Idee, die Gegebenheiten des Geländes mit drei dem Hang eingepassten Kuben formal aufzunehmen, war Christian Goldbach vom Münchner Büro „Leupold Brown Goldbach Architekten“ auf Wunsch seiner Bauherrin abgerückt zugunsten eines zweiten Entwurfs, der nun realisiert wurde. „Monolithisch“, wie aus zwei passgenau aufeinander gelegten Bauklötzchen, einem Quader und darauf einem dreiseitigen Prisma, so stellte sich die Malerin ihr künftiges Haus als „schwarze Scheune“ vor, zweigeschossig, Arbeits- und Wohnbereich einander frei zugänglich auf je einer Ebene.

Bis auf die Betonschalwände in den erdberührten Bereichen zum Hang hin ist das ökologische Niedrigenergiehaus in Holzständerbauweise errichtet. Fotovoltaik und Wärmepumpe sorgen für Strom und Warmwasser.

Zur Straße gewandt liegt der Eingangsbereich - zwei anthrazitfarbene Türen nebeneinander führen rechts ins separate Gästeapartment und links ins „Haupthaus“. Auf „halber Treppe“ findet sich, wer das offen zueinander konzipierte Wohn-/Atelierhaus betritt. Schmale Betonstufen führen von dort hinunter ins kreative Chaos mit quer über den Estrichboden verstreuten Farbeimern, ausgerissenen Zetteln, Entwürfen und großformatigen gegen die grauen Betonwände gelehnten Leinwänden. Mehrere bodentiefe Fenster bringen Licht in den Raum und geben den Blick frei hinunter auf die Lechauen beziehungsweise das Alpenpanorama. Über die holzbelegten Stufen hinauf geht es in den mit einem Mix aus modern und antik zurückhaltend möblierten Wohnbereich. Dreh- und Angelpunkt im offenen Treppenhaus ist „Greenies Kristallkugel“, ein zwischen Auf- und Abgang eingelassener, nach unten offener Metallquader mit begehbarer Panzerglasabdeckung als so einfacher wie wirkungsvoller Umsetzung der Anforderung Lebens- und Arbeitsraum durchlässig zueinander zu halten. Bestens verstanden und genutzt vom jüngeren der beiden Hunde der Malerin, ihrem sehr anhänglichen Greeny, der hier seinem Stammplatz gefunden hat, Frauchen unten bei der Arbeit beobachtet und beim „Blick ins Kristall“ in naher Zukunft Spaziergänge erahnen kann, wenn diese die Leinwände zur Seite stellt und anfängt, die Pinsel auszuwaschen.

Feinverputzte, glattweiß gestrichene Wände, eine großzügige Raumhöhe durch die offene Dachkonstruktion, die konsequente Beschränkung auf nur wenige Farben und Materialien und natürlich der offene Wohn-/Essbereich zeugen von moderner Sachlichkeit und geben das Gefühl von Weite. Sehr persönlich dagegen die vielen Bilder überall im Haus - eigene, aber auch unterschiedlichste Werke von geschätzten Künstlerkollegen.

Der Blick durch die großen Fenster hinunter auf den Lech und die täglich sich anders abzeichnende Bergkette am Horizont sind einzigartig: „Man könnte eigentlich stundenlang nur dasitzen und schauen“, sagt Gabriele Lockstaedt. Was Besseres könnte einem Augenmenschen wie ihr passieren? Da wundert es nicht, wenn die Malerin von ihrem „Wohlfühlhaus“ schwärmt, über dem „nichts ist als nur der Himmel, und der jeden Tag anders und neu.“ Ein „Wolkenkuckucksheim mit 16 Bodenankern“, nichts für Fantasten, aber die Fantasie beflügelnd - „nachdem das Haus steht, der Hang nicht ins Rutschen gekommen ist und ich somit offensichtlich dem befürchteten Ruin entgangen bin, lebe ich hier meinen Traum“, sagt Gabriele Lockstaedt, während sie zur Malpause mit einer Kaffeetasse in der Hand an ihrem alten Eichentisch sitzt und den Blick langsam über die Landschaft wandern lässt. „In meinen Bildern sind schon die ersten Bäume aufgetaucht“, fügt sie fast mit einem leichten Erstaunen in der Stimme hinzu.

Die Frage, ob es nun mehr der Duft aus der offenen Küche oder die Gerüche von Farbe und Bindemittel aus dem offenen Atelier seien, die das Treppenhaus durchziehen, beantwortet die Malerin ohne Zögern - mit einem Fingerzeig nach unten.

Gastfreundlich gibt sich Lockstaedts Haus nicht nur wegen des eigenen Besucherapartments, und so darf ein Gästebuch nicht fehlen, kein gewöhnliches, versteht sich, sondern als Pendelleuchte von der Decke herabhängend: die „Zettel“ des Designers Ingo Maurer. Viele Gäste haben in der kurzen Zeit seit Gabriele Lockstaedts Einzug im Juli vergangenen Jahres schon ihre Eintragungen gemacht und an den kleinen Klemmen befestigt, doch, und damit zeigt sie auf die vielen unbeschriebenen Zettel über ihr, „es gibt noch ganz viel Platz…“

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