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Nachruf

30.07.2013

Eine große Kämpferin für die Muse

Eleonore Weindl, die Hüterin des Gestalt-Archivs, ist 92-jährig gestorben.
Bild: Gestalt-Archiv

Eleonore Weindl, die Hüterin des Gestalt-Archivs, ist 92-jährig gestorben

Schondorf Sie war die Hüterin der Schätze: Mit diesen Worten wurde sie vor zwei Jahren zu ihrem 90. Geburtstag vom Verein Gestalt-Archiv Hans Herrmann in Schondorf gewürdigt. Jetzt ist Eleonore Weindl, die große Kämpfernatur für die musische Bildung, die von so kleiner, zierlicher Gestalt war, gestorben, friedlich eingeschlafen in einem Seniorenheim in Riederau.

Die letzten Jahre waren Eleonore Weindl nach zwei Oberschenkelbrüchen zu beschwerlich geworden, als dass sie weiter inmitten der Schätze im Archiv in Schondorf hätte bleiben können, erzählt Christel Hiltmann, die Vorsitzende des Archiv-Vereins. Weit in den 80ern war sie schon, als sie immer noch bis zu zwei Ausstellungen jährlich im Gestalt-Archiv zusammenstellte, aus dem unerschöpflichen Beständen an Schülerarbeiten aus dem Kunstunterricht, die dort seit der Zeit zwischen den Weltkriegen gesammelt wurden. Und stets gelang es Eleonore Weindl, Kunsterzieher wie Kunstbegeisterte zu überraschen, neue Anstöße zum kreativen Tun zu vermitteln und zugleich das Gezeigte auch in einen kulturhistorischen Zusammenhang zu setzen.

Eleonore Weindl wurde am 23. Mai 1921 in Haunzenbergersöll in Niederbayern als Tochter eines Schreiners geboren. Nach dem Gymnasium ergriff sie den Lehrberuf und war 17 Jahre als Grundschullehrerin in Velden tätig. Auf der Suche nach Anregungen lernte sie die Zeitschrift Die Gestalt kennen und über diesen Weg auch den Kunsterzieher Hans Herrmann. Als seine Mitarbeiterin baute sie mit ihm in Schondorf ein Archiv mit Schülerarbeiten aus dem Kunst- und Werkunterricht aus der Mitte des 20. Jahrhunderts auf.

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So entstand nicht nur eine einzigartige Mustersammlung als Anregungen und Fortbildungsmaterial für Kunsterzieher: Die von Eleonore Weindl regelmäßig gezeigten Ausstellungen waren überdies herausragende Zeugnisse einer Zeit, die noch viel weniger konsumtiv geprägt war als die Gegenwart. Wer sich seine Umwelt verschönern wollte, wurde selbst kreativ, bastelte, nähte, stickte oder zeichnete. Gespielt wurde nicht mit Plastikimporten aus Asien, zum Spielen gehörte oft auch die Herstellung von Spielzeug. Bekleidung und schmückende Heimtextilien gab es nicht fertig im Discounter, man nähte und schneiderte selbst, versah sie mit Stickereien und Pailletten.

Raum für Muße und künstlerische Betätigung

Glückwünsche konnten nicht übers Internet versandt werden, sondern man schrieb sie auf selbst gestaltete Karten. Ohne Fernsehen und Facebook war in einer weniger schnelllebigen Zeit noch mehr Raum für Muße und künstlerische Betätigung, und Schule war ein Ort, an dem solche kunsthandwerklichen Techniken vermittelt wurden, aus der sich Alltagskultur formte. All das hat Weindl im Gestalt-Archiv der Nachwelt erhalten, bis zu seinem Tod gemeinsam mit Hans Herrmann, danach wurde ein nach ihm benannter Verein gegründet, mit dem sie diese Arbeit fortsetzte.

Mehrfach trat Weindl auch als Buchautorin in Erscheinung. „Aus Forschung und Lehre“ war zugleich Autobiografie und Vortragssammlung von Hans Herrmann, ihr letztes Buch (Zeichnen als roter Faden im kindgemäßen Unterricht der Grundschule) erschien 2003 und war einmal mehr ein Appell für genügend individuellen Spielraum für Kinder, sich gestalterisch entfalten zu können, der sich in dem Satz „Alle Bildung ist musisch“ zusammenfassen lässt.

Eleonore Weindl wird heute nach einem Trauergottesdienst um 11 Uhr in ihrem Heimatort Haunzenbergersöll (Kreis Landshut) beerdigt. In der Schondorfer Annakirche wird für sie am Freitag, 2. August, um 19 Uhr ein Rosenkranz gebetet und am Samstag, 3. August, um 10 Uhr ein Requiem gefeiert. (ger)

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