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Prozess

29.01.2019

Einer, der sich sonst mit allen anlegt

Einigen Ärger gab es für einen 80-jährigen Rollstuhlfahrer.
Bild: Bernhard Weizenegger (Symbol)

Warum sich der stadtbekannte Rollstuhlfahrer vor dem Amtsgericht recht kleinlaut gibt

Haben die acht Tage hinter Gittern dem 80-jährigen Rollstuhlfahrer, der Anfang Januar einen Prozesstermin vor dem Amtsgericht geschwänzt hatte, die Augen geöffnet? Es schien so in der neu angesetzten Hauptverhandlung: Denn der Mann, „der sich mit allen anlegt, die es mit ihm zu tun haben“, so Richter Michael Eberle, riskierte keine „große Lippe“. Er gab sich ziemlich kleinlaut. Zur Anklage sagte er nichts. Gesprächig wurde er erst bei seinem Schlusswort, als das Urteil von Richter Michael Eberle bevorstand: „Ich bitte Sie, mir keine Gefängnisstrafe zu geben. Denn ich liebe meinen Hund. Wenn ich den verliere, dann überlebe ich nicht“, kündigte der Schwerbehinderte an.

Seinen vierbeinigen Liebling, der auf den Namen „Elvis“ hört, durfte der Angeklagte Stunden später aus dem Tierheim abholen. Und die Rückkehr in die Justizvollzugsanstalt wurde dem 80-Jährigen erspart: Durch eine Haftstrafe von sieben Monaten, die er nicht absitzen muss. Sie wurde für vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt: „Jetzt reicht es, eine weitere Bewährung wird es dann nicht mehr geben“, kündigte der Richter dem Mann an, der fünf Vorstrafen auf dem Kerbholz hat.

Nach dem jüngsten Urteil ist das halbe Dutzend voll. Dabei geht es um die Vorfälle vom 10. September 2017 in der Johann-Mutter-Straße in Landsberg. Beteiligt war der Beschuldigte mit seinem Rollstuhl. Der Mann führte den Hund an der Leine rechts von sich mit. Hinter ihm fuhren zwei Autos in die Straße ein, die zunächst relativ breit ist, dann aber schmäler wird und schließlich über einen Wendehammer zur Katharinenstraße zurückführt. Als die Autos überholten (dem gingen Hupsignale voraus), soll der 80-Jährige den Insassen der Pkw den Stinkefinger gezeigt und auf sie eingeschimpft haben, so die Anklage. Wenig später kam der Mann auf der „Gegenfahrbahn“ den beiden Autos inmitten der jetzt verengten Straße entgegen. Ein Vorbeikommen erschien nicht möglich.

Nun soll das „überraschende Stelldichein“ eskaliert sein: Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung standen die 35-jährige Fahrerin des ersten Autos und der Rollstuhlfahrer. Die Frau, die ihr Autofenster geöffnet hatte, soll zunächst von dem Mann wüst beschimpft worden sein. Und der sei ihr gar noch gegen die Schienbeine gefahren, als sie aus dem Pkw gestiegen war. Mehrere Wochen habe sie Schmerzen ertragen müssen. In der Beweisaufnahme wurde weiter bekannt, dass der Pkw ihres Schwagers, 40, vom Rollstuhl einen Kratzer abbekommen habe. Ein jähes Ende nahm das Hin und Her, als die Zeugen dem Mann mit der Polizei drohten. Da habe er plötzlich „Vollgas“ gegeben, um sich aus dem Staub zu machen.

Vor Gericht entschuldigte er sich bei der Frau, die er beleidigt hatte. Dann begann für ihn das große Bangen, denn Plädoyers und Urteil waren angesagt: Für Staatsanwältin Andrea Lieb haben sich die ihm zur Last gelegten Taten – Nötigung, Körperverletzung, Beleidigung und versuchte Sachbeschädigung – bestätigt. Sie plädierte für sieben Monate Haft ohne Bewährung. Einbezogen wurde hierbei eine Strafe von einem Monat aus einem Urteil vom 19. April 2018. Verteidiger Marcus Becker sah hingegen keine Nötigung, denn hierfür sei Gewalt eine Voraussetzung. Und die habe es seines Erachtens bei seinem Mandanten nicht gegeben. Becker sprach sich für eine Geldstrafe aus.

Der Richter setzte sieben Monate mit Bewährung auf vier Jahre fest, dazu eine Geldauflage von 600 Euro für den Tierschutzverein. Weil alle Prozessbeteiligten mit dem Urteil einverstanden waren, ist es bereits rechtskräftig. (eh)

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