Newsticker

Corona-Neuinfektionen in Deutschland auf höchstem Stand seit April
  1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Einsam auf der Mitfahrerbank am Landsberger Hauptplatz

Landsberg

05.07.2020

Einsam auf der Mitfahrerbank am Landsberger Hauptplatz

Dagmar Kübler auf der Mitfahrerbank am Hauptplatz in Landsberg.
Bild: Thorsten Jordan

Plus LT-Mitarbeiterin Dagmar Kübler will von Landsberg an den Ammersee. Doch kein Auto hält an. Was sie bei ihrem Selbstversuch erlebt hat.

Ich sitze auf einer Bank, und der Verkehr rollt an mir vorbei. Unablässig. Autos, Lastwagen, Traktoren, Radfahrer, Busse, Motorradfahrer. Innerhalb einer halben Stunde über 100 Autos, aber keines hält. Auch nicht nach eineinhalb Stunden. Dann breche ich den Versuch ab, von einer Mitfahrerbank in der Landsberger Innenstadt an den Ammersee und wieder zurückzukommen. Das sei ganz schön ambitioniert, habe ich mir bereits im Vorfeld zu meinen Plänen sagen lassen. Inzwischen weiß ich, es ist gar nicht möglich. Zumindest nicht an diesem Vormittag.

Funktioniert das System Mitfahrerbank, wo doch inzwischen 43 Bänke in insgesamt 21 Orten im Landkreis stehen? Und funktioniert es jetzt, in Zeiten von Corona, Abstandsregeln und Maskenpflicht? Mein Selbstversuch hat ergeben: Nein. Aber es war ein netter Vormittag. Dabei hatte ich mich so gut gewappnet, stabile Schuhe angezogen, falls doch mal eine Laufstrecke zurückzulegen wäre, Wasserflasche und Jacke sind in der Tasche. Und ein Handy, damit jemand mich abholt, falls ich irgendwo strande. Alles nicht notwendig, denn ich komme gar nicht los.

Die Schilder zeigen an, wohin der Mitfahrer will.
Bild: Thorsten Jordan

Meine Mitfahrerbank steht unmittelbar neben der Bushaltestelle am Hauptplatz. Links neben mir sind die Kurzzeitparkplätze heiß begehrt und ständig belegt. Bis mich also ein Autofahrer sieht, ist er schon unmittelbar vor mir. Viele schauen neugierig her, doch keiner hält. Viele schauen auch hoch konzentriert geradeaus, kein Wunder, gibt es doch die Straße überquerende Fußgänger, schnelle E-Radler und auch den Stadtbus zu beachten. Ich blicke freundlich und auffordernd in die Augen der Autofahrer, doch das hilft auch nichts. Ein Taxifahrer wartet neben meiner Bank auf einen Fahrgast. Neugierig kommt er näher, er weiß nicht, wie Mitfahrbänke funktionieren, und lässt es sich erklären. Ich zeige ihm die Zielschilder, die man ausklappen kann. Pitzling und Reisch kann man demnach von der Bank aus erreichen. Mein Ziel, an den Ammersee zu kommen, rückt in weite Ferne.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Hätte ich mich besser vorbereiten sollen? Meine Suche auf der Webseite der Initiative Mobi-LL verläuft ergebnislos. Zwar finden sich dort die Standorte der Bänke, jedoch keine Angabe zu den Zielschildern. Ich entscheide mich für Pitzling, ein Spaziergang zurück durch den Wildpark, falls mich von dort keiner nach Landsberg mitnimmt, klingt verlockend. Vielleicht hätten Flyer im Flyerkasten, befestigt am Schild der Mitfahrerbank, für Aufklärung gesorgt – doch leider ist dieser randvoll gestopft mit Müll.

"Würde ich tatsächlich bei jedem mitfahren?"

Ein Herr bleibt stehen und sucht das Gespräch. „Ich würde Sie sofort mitnehmen, aber ich habe gar kein Auto“, antwortet er auf meine Erklärung zum Selbstversuch. „Vielleicht sollten Sie es mit einem Minirock probieren“, ergänzt er noch, bevor er seinen Weg zum Optiker fortsetzt. Ich komme ins Grübeln. Würde ich tatsächlich bei jedem mitfahren? Wie soll ich jemand, der mir unsympathisch ist oder komisch vorkommt erklären, dass ich nun doch nicht mitfahren will? Hhm. „Ich würde nicht bei jedem einsteigen, allein schon wegen des Fahrstils“, sagt eine ältere Dame, die herangetreten ist, um sich die die Schilder anzuschauen. Sie kennt die Mitfahrerbank aus der Presse.

Neben mir auf der Bank sitzt nun noch jemand. Ein Sohn hat seine Mutter samt Rollator zurückgelassen, um schnell das Auto aus der Tiefgarage zu holen. „Nach Schwifting könnten wir sie mitnehmen“, sagt er, aber nein, ich will die Hoffnung, nach Pitzling zu kommen, noch nicht aufgeben. Um 11 Uhr verlagere ich meinen Versuch auf die Bank Ecke Bahnhofsplatz/Katharinenstraße. Ziele von hier sind Erpfting, Ellighofen, Friedheim und Kaufering. Kein einziger Autofahrer blickt zu mir, meist bin ich von abbiegenden Autos und Bussen verdeckt und überhaupt – wo sollte ein Auto hier denn anhalten, um mich einsteigen zu lassen, ohne einen Auffahrunfall zu verursachen?

Vielleicht gibt der Flyer im Kasten mehr Aufschluss zum Mitfahrsystem? Fehlanzeige. „Auf den tödlichsten Virus sind alle Menschen positiv getestet. Ab jetzt gibt es keine Hoffnung mehr“, steht darauf. Schnell weg damit. Der Verkehr nimmt zu, der Hunger auch, es geht gegen Mittag. Ich mache mich auf den Heimweg. Zu Fuß.

Mehr über die Mitfahrerbank am Hauptplatz: Die Mitfahrerbank in Landsberg: Halten verboten?

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren