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Dornstetten

20.01.2018

Er verwandelt Materie in Schönheit

Wolfgang Grimme aus Dornstetten liebt es, sich mit schönen Dingen zu umgeben.
Bild: Peter Wilson

Auf den Spuren von Peter Wilsons „Landsberger Leuten“. Heute: Wolfgang Grimme. Er ist Tüftler und Handwerker, Kunsthändler und Restaurator, Künstler und Liebhaber schöner Dinge.

„Ich könnte immer noch Tag und Nacht arbeiten, so viel positive Energie habe ich.“ Rentner? Niemals! Auch wenn bald eine Sieben vor der Jahreszahl steht: Wolfgang Grimme sprudelt vor Energie, vor Geschichten und vor Lebensfreude. „Ein Leben im Dauerlauf“ liegt hinter ihm, wie er sagt. Und auch, wenn der Lauf heute etwas langsamer geworden scheint, so strahlt das ganze Gesicht immer noch vor Freude, wenn er seiner Arbeit nachgehen kann: Kunsthändler und Restaurator, Künstler und Liebhaber schöner Dinge, Tüftler und Handwerker.

Aber die Kinder hätte immer noch sie bekommen, wirft seine Frau Ute ein, und beide lachen. So geht es zu im Hause Grimme, wobei man eher von einem Anwesen sprechen kann. Rund 10.000 Quadratmeter Grund rund um den Gasthof „Der Adler“ in Dornstetten bei Unterdießen, nicht weit von der B17 Richtung Lech. Alles in Eigenregie gebaut, umgebaut, eingerichtet und ausgestattet.

Sein Vater war mehr guter Freund und Bruder

An jeder Ecke möchte man stehen bleiben und staunen, Kunst hier, Kunsthandwerk dort, Antiquitäten überall. Immer dezent, licht und harmonisch zusammengestellt. „Alte Möbel haben eine eigene Geschichte, eine eigene Aura, da darf man nicht zuviel in einen Raum stellen, lieber mit etwas Modernem mischen“, so lautet Grimmes Devise. Schon früh interessierte er sich als Bub für alte Möbel. Kein Wunder, ist sein Vater Hans-Kurt Grimme doch ein stadtbekannter Kunsthändler gewesen - mit eigenem Laden zunächst in der alten Bergstraße, später in der Kochgasse (in der ehemaligen Werkstatt des Barockbildhausers Lorenz Luidl) und seit Anfang der 1970er-Jahre draußen in Dornstetten. Damals, in den 60er- und 70er-Jahren, sei sein Vater – neben seinem offiziellen Job – durch die Dörfer gefahren, mit einer Glocke in der Hand und habe gerufen: „Leute, ich kauf‘ euch des alte Glump ab.“ Die meisten seien ja froh gewesen, das Zeugs loszuwerden.

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Ein wahrer Freigeist und Lebemensch, das war sein Vater, sagt Wolfgang Grimme. Mehr ein guter Freund und Bruder, der sich um ihn gekümmert habe, als die Mutter mit 33 Jahren starb. Da war der junge Wolfgang zwölf Jahre alt.

Keinen Bock auf den Job, aber trotzdem Bester

Eine zweite Leidenschaft entwickelte sich ebenfalls schon früh: Schöne Autos und schnelle Motorräder. Mit selbst zusammengeschraubten Zweirädern brausten sie als junge Kerle „durch die Prärie“, erzählt Grimme. Technik habe ihn schon immer fasziniert, eine Lehre als Kfz-Mechaniker folgte. Obwohl er schnell merkte, dass das nicht das Richtige für ihn sei, schloss er als Innungsbester ab, kündigte und machte sich auf eine jahrelange Reise quer durch Europa. Er lernte bei Künstlerfreunden seines Vaters alles, was es brauchte, um ein Allround-Restaurator und Designer von Textilmustern zu werden.

Wieder zu Hause stieg er ins Geschäft des Vaters mit ein. „Papa, ich kann jetzt alles. Gib mir eine Aufgabe.“ Neben dem Handwerklichen und Künstlerischen habe er beim Vater auch „die Leichtigkeit des Lebens“ schätzen gelernt. Die höchste Harmonie, sagt Wolfgang Grimme heute, liege in der Einfachheit.

Anfang der 1970er-Jahre kauften Vater und Sohn das Areal in Dornstetten, bauten die heruntergekommenen Bauernhäuser aus und zogen samt Kunsthandel um. Sohn Wolfgang baute zusätzlich noch die alte Gaststätte wieder auf und stand abends hinterm Tresen von „Wolfis Wirtshaus“. „Da war was los“, sagt er, „nur Verrückte da und ich war der Verrückteste von allen.“ Da er weiterhin am Wochenende Motocross-Rennen fuhr, wurde das Wirtshaus auch ein Treffpunkt der Bikerszene. Mittlerweile hatte er seine Frau Ute geheiratet und drei Söhne bekommen, und da wurde es ihm nun doch zu viel und er verpachtete die Gaststätte, die heute wieder – renoviert – als „Der Adler“ fungiert. „Wenn meine bodenständige Frau nicht gewesen wäre, hätt’ ich wohl schon längst einen Herzinfarkt bekommen“, resümiert Wolfi Grimme und schmunzelt.

Die Söhne haben die Leidenschaft geerbt

Heute stehen auf drei Etagen im „Arbeitshaus“ wunderschöne, perfekt restaurierte Möbel aller Zeitalter, von Biedermeier bis Bauhaus, von Barock bis Artdeco, dazwischen immer wieder Eigenkreationen und Kunstwerke. Alle drei Söhne haben die Leidenschaft des Vaters geerbt, sie sind Kunsthistoriker und Restaurator, Holzbildhauer und Goldschmied, zwei von ihnen arbeiten heute gemeinsam mit dem Vater in einer Werkstatt. „Ich mach’ nur noch die schönen Dinge“, sagt Vater Grimme, „die schwierigen übernimmt mein Sohn.“

Materie in Schönheit verwandeln, das sei seine Berufung, und das ist durchaus nicht nur handwerklich gemeint, sondern auch spirituell. Wer Wolfgang Grimme erlebt und sein Werk sieht, glaubt es ihm aufs Wort.

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