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Abstimmung I

22.01.2015

Eresinger entscheiden über ganz große Nummer

So sieht eine der Skizzen aus, mit der die Firma Franz Mensch ihr geplantes Bauvorhaben anschaulich macht...
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So sieht eine der Skizzen aus, mit der die Firma Franz Mensch ihr geplantes Bauvorhaben anschaulich macht...
Bild: Franz Mensch/Jacob & Spreng Architekten

Soll am nördlichen Ortsende eine Logistikhalle entstehen, die im Ammerseegebiet ihresgleichen sucht?

Beim inzwischen vierten Bürgerentscheid in Eresing am Sonntag geht es um ein ganz großes Ding: Die Eresinger stimmen darüber ab, ob am nördlichen Ortsrand eine Logistikhalle gebaut werden kann, deren Größe alle bisherigen Gebäude zwischen Paartal und Ammertal übertreffen würde. Was dafür steht: angekündigte höhere Steuereinnahmen für die Gemeinde und weitere Arbeitsplätze für die Region. Was dem gegenübersteht: Das Orts- und Landschaftsbild rund um Eresing wird sich verändern, der Verkehr wird mehr (wie viel, darüber gehen die Prognosen auseinander) und es werden mehr als sechs Hektar Acker und Wiesen in ein Gewerbegebiet verwandelt.

Im Gemeinderat wie im Dorf sind – gelinde gesagt – die Meinungen darüber geteilt. Man könnte auch sagen, die Gewerbegebietserweiterung spaltet das Dorf ähnlich wie das Thema Verkehr oder einst der Bau des Dorfgemeinschaftshauses beim „Alten Wirt“. Das verwundert auch nicht, denn alles hängt irgendwie miteinander zusammen.

Wie viele andere Gemeinden hat auch Eresing in den vergangenen zehn bis 20 Jahren einen Aufschwung erlebt. Seit 1998 haben sich die Steuereinnahmen annähernd verdreifacht, dank einer gewachsenen Einwohner- und Erwerbstätigenzahl, aber vor allem auch durch mehr Gewerbesteuer. Die wird zu 80 bis 90 Prozent in dem vor bald 20 Jahren erschlossenen Gewerbegebiet an der Geltendorfer Straße erwirtschaftet. Im vergangenen Jahr nahm Eresing erstmals mehr als eine Million Euro Gewerbesteuer ein, gut ein Drittel davon soll von der Firma Franz Mensch gekommen sein. Das ist jenes Handelsunternehmen für Einweg-Hygieneartikel, dem die Gemeinderatsmehrheit für eine langfristige Erweiterung den Boden bereiten will.

Während andere Gemeinden wie etwa das benachbarte Windach aufgrund der wirtschaftlichen Prosperität inzwischen Millionenrücklagen angehäuft haben, sieht die Situation in Eresing nicht so gut aus. Noch immer schiebt die Kommune Schulden von mehr als drei Millionen Euro vor sich her. Das sind zwar schon eineinhalb Millionen weniger als 2002. Was die Verschuldung anbelangt, ist Eresing aber nach wie vor Spitzenreiter im Landkreis. Wenn man danach fragt, warum das so ist, dann fällt schnell das Stichwort „Dorfgemeinschaftshaus“. Dieses Großprojekt wird bis heute von der Gemeinde abbezahlt – ebenso wie die Straßenbaumaßnahmen im Zuge des Kanalbaus. Eresing verlangte damals noch keine Ausbaubeiträge von den Bürgern. Auch vor diesem Hintergrund sind zusätzliche oder zumindest nicht weniger Einnahmen wichtig, die sich die Gemeinderatsmehrheit aus den Dorfgemeinschaften von Eresing und Pflaumdorf aus der Erweiterung der Firma Mensch erhofft.

Demgegenüber stehen die „Umweltfreundlichen Bürger“ (UB). Ihnen ist der Preis für diese potenziellen Mehreinnahmen zu hoch: Sie warnen vor einem „Verkauf unserer Heimat“ und befürchten ein weiter steigendes Verkehrsaufkommen durch Lieferverkehr und Beschäftigte. Das Unternehmen selbst erklärt, dass sich der Lkw-Lieferverkehr innerhalb von zehn Jahren zwar verdoppeln wird – von 15 auf 30 Fahrzeugbewegungen am Tag. Das seien aber – bezogen auf den heutigen Verkehrsfluss – nicht mehr als zehn Prozent des gesamten Lkw-Verkehrs und gerade mal 0,66 Prozent des Gesamtverkehrs, der sich durch Eresing wälzt.

Solche Zahlen halten die UB für zu niedrig angesetzt, überhaupt seien sie zu keinen Entscheidungen bereit, die zu einer Zunahme des Verkehrs führen. Sie fordern auch seit Langem, eine Umgehungsstraße zu bauen. Deren Realisierung steht aber noch in den Sternen. Bis auf eine Trasse im Flächennutzungsplan ist das Projekt seit den 1980er-Jahren nicht vorangeschritten. Außerdem ist völlig offen, wie der Neubau einer vier Kilometer langen Straße um Eresing herumfinanziert werden soll – selbst wenn sich die Gemeinde auf lange Frist einen Gewerbesteuerzahler wie Franz Mensch am Ort erhalten kann. Eine solche Straße würde nach früheren Schätzungen wohl rund 18 Millionen Euro kosten, wovon die Gemeinde selbst rund zwei Drittel aufbringen müsste.

Ein weiterer Entscheidungsaspekt ist die geplante Größe des Logistik- und Bürogebäudes, das in zwei Bauabschnitten ab 2016 und frühestens ab 2025 errichtet werden soll. Nachdem dazu vonseiten der Gemeinde erst einmal nichts an die Öffentlichkeit gebracht wurde, wurde die erweiterungswillige Firma selbst aktiv: Ihre Angaben offenbaren, dass diese Halle im Ammerseegebiet, was Höhe und Volumen anbelangt, ohne Beispiel sein wird. Es sollen 20000 Quadratmeter überbaut werden, das Lager (der allergrößte Teil des Baukörpers) soll knapp 20 Meter hoch werden. Davon werden etwa 14 Meter über dem jetzigen natürlichen Gelände herausragen, da die Halle fünf bis sieben Meter in den Untergrund versenkt werden soll. Die Länge beider Bauabschnitte wird mit 231 Metern und damit nahezu der gesamten Breite des Gewerbekorridors nördlich von Eresing angegeben, die Breite mit 80 Metern.

Zum Vergleich (laut www.bayernatlas.de): Bislang hat das größte Gewerbe- beziehungsweise Industriegebäude die Firma Webasto in Utting. Es ist rund 220 Meter lang und rund 15000 Quadratmeter groß. Die Delo-Gebäude bei Schöffelding an der A 96 sind sieben bis 13 Meter hoch, die gesamte Fläche, die Delo für Gebäude in Anspruch nimmt, ist mit gut 10000 Quadratmetern bislang etwa gut halb so groß wie das, was Franz Mensch in Eresing bis zur Endausbaustufe plant. Das Einkaufszentrum in Kaltenberg umfasst auf drei Gebäude verteilt insgesamt 5300 Quadratmeter.

Darauf, wie der Bürgerentscheid am Sonntag ausgehen wird, darf man gespannt sein. Eresing ist in dieser Frage gespalten zwischen zwei Positionen: Den einen, die auf Wachstum und (mehr) Einnahmen setzen. Auf der anderen Seite sind diejenigen, die durch dieses Wachstum die dörflichen Qualitäten Eresings immer stärker beeinträchtigt sehen. Bei den bisherigen Bürgerentscheiden lagen einmal die Wachstumsgegner und einmal die Wachstumsbefürworter vorn (1998 und 2003 ging es um die „Breiten“-Bebauung). Als 2006 über die Umgehung abgestimmt wurde, gab es eine hauchdünne 380:374-Mehrheit gegen die Straße.

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